So waren Peter Owens Anschauungen über die Ehe, und so war seine Liebe zu Julie.
Er war von Beruf Maler und traf Julie im Hause des Professors Stockmann, bei dem er auf Grund einer Familienempfehlung — seine Tante hatte den Generalsuperintendenten gekannt — verkehrte. In der abgestandenen Atmosphäre des Stockmannschen Hauses hatte es nur weniger Worte bedurft, um beide fühlen zu lassen, daß etwas Gemeinsames sie verband. Bei einem Gespräche, in dem der Professor erklärt hatte, die moderne Kunst liege im argen, und Julie sich vergeblich mühte, die Kunst gegen den Angriff des Doktors Johannes zu verteidigen, hatte Peter Owen schweigend in seiner Ecke gesessen, und erst als der Professor dem Streite mit geringschätziger Milde ein Ende machte, hatte er gesagt:
»Wir werden trotzdem weitermalen!«
Diese Worte waren soviel wie ein Handschlag, und Julie war ihm dankbar, daß er nicht Partei ergriffen hatte.
Nach einiger Zeit hatten sie sich in einer Kunstausstellung wiedergesehen. Natürlich hatten sie von Heide und Moor gesprochen. Und dann waren sie auf ihre Heimat gekommen. Da hatte sie von dem Sonnenschimmer ihres Hauses erzählt und er von der ernsten Herbheit Jütlands. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bewußter geworden. Als sie sich trennten, hatte er versprochen, ihr Bücher zu schicken, und die waren am nächsten Tage bei ihr abgegeben worden. Als Julie sie sah, hatte sie die Empfindung seines Blicks, seiner kühlen graublauen Augen.
Peter Owen war an demselben Tage abgereist. — Er erfuhr während der nächsten Wochen, daß er Julie liebte, und als er Anfang Dezember zurückkehrte, geschah es, weil er nicht anders konnte. Julie hatte seine Bücher gelesen und hatte auf ihn gewartet, mit einer festlichen Freude. Doch als sie wochenlang nichts von ihm hörte, wurde sie traurig, und eines Tages dachte sie über den Grund dieser Traurigkeit nach.
Es schien ihr plötzlich ein weites Stück Wegs, bis sie mit ihrem ganzen Empfinden in diese Traurigkeit hineinkam. Wie hatte sie nur so lange nicht nachsehen können! Das war ihr fremd an ihr selbst.
Aber diese Traurigkeit war so weich, die Farben waren dunkel und seidentief, mit einem Unterton von Gold; man konnte sich hinlegen und weinen und weinen. Aber schien sich da nicht doch ein Lachen zu verstecken, ein sonnenstrahlendes Lachen? Sie probierte dieses Lachen, und sie lachte in der seidentiefen Farbe ihrer Traurigkeit. Da freilich schwindelte ihr; es begann ein Zittern, dann kam ein Drehen und Wirbeln, — es tollte vor ihren Augen, bis sie nicht mehr wußte, wo sie war, und mit den Händen in die Luft griff, sich festzuhalten. Als sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich hoch oben in kühler Luft und fühlte nichts anderes als diese Luft zwischen den Lippen, und daß ihre Hand etwas umspannte. Es war nur eins von seinen Büchern, woran sie sich klammerte, aber da wußte sie, daß sie Peter Owen liebte.
Nach einigen Tagen traf sie ihn, nachmittags, als schon Dämmerung in den Straßen lag. Er ging auf der anderen Seite und wurde ihrer nicht gewahr.
Julie zögerte keinen Augenblick, sie ging hinüber und begrüßte ihn.