»Du sagtest neulich, daß Schönheit ein Schmuck unseres Lebens sein sollte. Ich habe lange darüber nachgedacht und habe gefunden, daß ich hierin anderer Meinung bin. O, nicht nur dies! Es handelt sich nicht um eine Meinung, die ich dir zuliebe gern daran geben würde. Hier geht es um mein ganzes inneres Leben. Ich weiß nicht, ob du mich ganz verstehen wirst, Ernst. Sieh, Schönheit ist das erste, was ich zum Leben brauche, ebenso notwendig brauche wie Essen und Trinken. Wenn ich an mein bisheriges Leben zurückdenke: wie einsam war es! Ich fand bei den Eltern wenig Verständnis, noch seltener eine Anregung. Die Tage gingen dahin, einer wie der andere, wie eine abgeleierte Melodie. Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht selbst zugefaßt und mit beiden Händen, soviel ich nur fassen konnte, Schönheit in mein trauriges Dasein hineingetragen hätte. Ich wäre ja verkommen.
So aber habe ich mir ganz vorsichtig und leise, daß kein anderer davon merkte, ein kleines Haus gebaut. In dem wohnte ich ganz allein, mit allen meinen Träumen; die erwachten dort langsam zu einer weichen, bunten Wirklichkeit. Nur dort habe ich mein Leben gelebt. Den anderen war ich ein ruhiges, immer williges Wesen, das braune Kleider trug und niemanden störte.«
Agnes Elisabeth lächelte.
»Diese braunen Kleider! Weicher, wolliger Kaschmir, und die schmale weiße Spitzenkrause am Halse!«
»O wie glücklich war ich in meinem Haus! Alles, was sich darin befand, und alles, was ich dort tat, war schön! Es gab keine häßliche Linie. Du kannst dir denken, daß ich es schließlich nicht mehr verlassen wollte. Ich trug es also mit mir herum. Und mit jedem Tage lernte ich es noch mehr liebhaben. Wenn etwas Rauhes, Häßliches von draußen kam, kroch ich schnell in meinen kleinen Winkel zurück, zog die spinnwebfeinen Schleier über mein Gesicht und ließ die Sonnenstäubchen in meinem Haar flimmern. Dann konnte mir niemand etwas tun. Und so habe ich immer nur von Schönheit gelebt, von Blumen, Licht und Farben, von weiter Ruhe und feingetönten Stimmungen.
Und nun willst du, daß Schönheit nur eine kleine äußerliche Annehmlichkeit sein soll, wo sie doch allein meinem Leben seinen Wert geben kann?! Nun soll ich sie umtun wie einen Sonntagsschmuck, wie eine dünne goldene Kette, und ist doch mein braunes Kleid, das ich alle Tage trage!
Schreibe mir bald, daß du mich so haben willst, wie ich bin.
Agnes.«
Aus Mariannes Stuhl kam ein langgezogenes »Ach!« Ihre volle weiße Hand zog gelangweilt einen Faden durch den Kanevas.
Julie hielt das Briefblatt vor ihr Gesicht.