Sie war oft bei Stockmanns gewesen und hatte sich mit Johannes beinahe freundschaftlich gestanden. Vieles an ihm gefiel ihr; erst neulich hatte er ihr gesagt, er wolle bei dem Vater wohnen bleiben, er fühle sich innerlich dazu verpflichtet; das hatte sie für ihn eingenommen. Mit dem Professor hatte es zwar immer erregte Auseinandersetzungen gegeben; aber Achtung vor seinen Anschauungen war stets in ihren Worten gewesen. Sie hatte von diesen Menschen lernen wollen und hatte auch nach dem ersten mißlungenen Versuche nicht die Mühe gescheut, es wieder und nochmals zu tun. Hatten Stockmanns nicht einmal so viel von ihr kennengelernt, daß sie sich einen Begriff davon hätten machen können, wie sie über die Ehe dächte. Ohne Liebe ...!
Lange saß Julie und grübelte darüber, wie dieses hatte kommen können. Es mußte schon spät sein, als sie durch ein Klopfen aufgeschreckt wurde. Das Mädchen kam; dieser Brief sei abgegeben worden. Ob sie die Lampe bringen solle? — Ja, wenn sie so freundlich sein wolle.
Julie nahm den Brief, und jetzt zum ersten Male dachte sie an Peter Owen. Ja, o ja! Sie konnte es kaum erwarten, daß Licht käme. Sie streichelte den Brief, riß ihn auf und ging ans Fenster; vielleicht könnte sie ihn bei dem Lichte der Laternen lesen. Aber es war nichts zu erkennen. Endlich kam die Lampe. Sie setzte sich an den Tisch und nahm den Bogen vor die Augen.
»Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein!« las sie. Sie drehte das Blatt heftig um. »Johannes Stockmann!« — Einen Augenblick dachte sie daran, den Brief zu einem Knäuel zu ballen; den wollte sie auf die Straße werfen oder ins Feuer oder in den Papierkorb. Doch dann hob sie müde die Hände und las:
»Mein Vater hat mir soeben das Ergebnis seiner Unterredung mit Ihnen mitgeteilt. Ich bin dadurch schmerzlicher betroffen, als Sie wahrscheinlich ahnen werden. Wenn ich mit diesen Zeilen nochmals zu Ihnen komme, so geschieht es nicht in der Hoffnung, doch noch eine günstige Antwort auf meine Frage von Ihnen zu erlangen, sondern um ein Mißverständnis aufzuklären, das mich Ihnen in einem falschen Lichte hat erscheinen lassen. Als ich meinem Vater mitteilte, daß ich Sie um Ihre Hand bitten wolle, stand er meiner Bitte um seine Einwilligung nicht so freundlich gegenüber. Er äußerte Bedenken, die sich insonderheit auf Ihre freieren Anschauungen bezogen. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, aus der ich schließlich nur dadurch als Sieger hervorging, daß ich meinem Vater sagte, Sie würden, wenn Sie erst meine Frau wären, unter seinem und meinem Einfluß gewiß wieder auf den rechten Weg kommen. Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er wollte sich jedoch nicht nehmen lassen, selbst als erster mit Ihnen darüber zu reden. Weil ich hoffte, daß Sie für seine väterliche Sorgfalt das rechte Verständnis haben würden, fügte ich mich. Ich will Ihnen offen alles sagen. Daß ich Sie sehr lieb habe, brauche ich nicht zu betonen; Sie werden aus den Zugeständnissen, die ich meinem Vater gemacht habe, um seine Einwilligung zu erlangen, erkennen, wie lieb ich Sie haben muß. Aber noch etwas anderes muß ich Ihnen sagen. Gerade durch Sie hoffte ich mich von den drückenden Fesseln frei zu machen. Mit Ihnen wollte ich ein neues Leben anfangen. Sie sollten es mich lehren. Das war die sehnende Hoffnung, die ich auf Sie setzte, die große Lebensfrage, die Sie entscheiden sollten.
Nun haben Sie anders beschlossen. Ich werde lernen müssen, mich damit abzufinden. Aber Sie sollen später nicht an mich zurückdenken als an einen, der den Kampf nicht wagen wollte. Deshalb habe ich Ihnen diese Zeilen geschrieben.
Sie werden mir wohl nichts zu antworten haben; jedenfalls wissen Sie nun alles.
Ihr Johannes Stockmann.«
Julie legte den Brief aus der Hand.
Aber plötzlich zerriß sie den Brief und krampfte die Hände ineinander. Dann sank sie auf die weiße Decke ihres Bettes und schluchzte.