Eine lange Zeit verging. Es war dunkel, als Julie aufschrak. Oben an der Decke blinzelten wieder die Laternenlichter, gerade wie gestern abend, und sie kam sich vor, als sei es noch gestern und sie habe diesen Tag nur geträumt. Sie sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten vor sechs. Da sprang sie auf. Um fünf Uhr hatte sie bei ihm sein wollen. Er wartete schon. Sie mußte eilen. Hut und Jacke, einen großen Strauß von Evelyns Veilchen, — und fort war sie.
Draußen auf der Straße begann es schon weihnachtsstill zu werden. Große Flocken segelten herunter und zergingen auf den Steinen. Die Luft war, als ob es tauen wollte.
Julie ging schnell. Nach kaum zehn Minuten stand sie vor seinem Hause. Sie wollte eintreten, aber plötzlich kehrte sie um und ging weiter. Als ob sie Angst hätte!
Sie ging die Straße zu Ende, bog in die nächste Seitenstraße, lief immer weiter, wie im Traum, und konnte ihr banges Gefühl nicht los werden. Fast eine Stunde irrte sie so umher und wußte kaum noch, wo sie war.
Überall sah sie jetzt Christbäume glänzen, hörte auch hier und da ein Weihnachtslied und kam sich wie das arme Kind vor, von dem sie bei Stockmanns einmal in einem Traktätchen gelesen hatte. Und plötzlich war eine Sehnsucht da, dieselbe Sehnsucht nach Lichtern und Weihnachtsduft, wie bei dem armen Kinde, und dann kam eine andere, die sie wohl kannte, seit gestern abend. Da wollte sie umkehren. Aber die Straße, in der sie war, erschien ihr mit einem Male bekannt, und plötzlich sah sie sich wieder vor seinem Hause.
Sie ging hinein.
Im Wohnzimmer saß er, in einem Mahagonisessel. Auf dem Schreibtisch standen zwei Messingleuchter mit dicken Wachskerzen, die still herunterbrannten, als sei hier eine Kirche. Auf dem Tisch wartete der Tee, der aber schon kalt war; vor zwei Stunden hatte Peter ihn bereitet, er hatte nichts davon getrunken, sondern mit ihm gewartet, bis halb sechs, bis sechs und dann noch eine Zeit, von der er nicht mehr wußte, wie lang sie gewesen war.
»Der Tee ist kalt geworden!«
»Du bist böse?«
»Hm!«