Wie verschieden davon war die Musik, die die Schwestern zu hören bekamen.

Agnes Elisabeths Leben war kaum noch etwas anderem vergleichbar als dem dumpfen Plappern der Nonnen in den Klosterkirchen, während des Mittelalters Brandwolken über dem Lande qualmten. Ab und zu sprangen rote Lichter in ihr ödes Haus, flogen über ihr Gesicht und warfen Entsetzen vor ihre Füße.

Im Lehrerhaus gab es Wiegenlieder, surrende Weisen, die ein wenig nach Kinderwäsche riechen und ohne allzu große Tiefe von dem Glück der Heimat und der warmen Stube singen. Bei Lukas die breite Innigkeit des Volksliedes, bei Marianne rosig robuste Mütterlichkeit und ein gut Teil satter Sentimentalität.

Für Evelyn war das Leben gleich einer Ballmusik, gleich einem Walzer, in dessen wiegendem Rhythmus Sehnsucht nach Lebensfreude singt. Die Geigen klangen so weich, wie der Mond im schlafenden Garten; dann hüpften die Lichter herbei, Windlichter lustiger Feste, kokettes Pizzicato mit Triangel und Glockenspiel.

Auch Tante Sophie bekam ein wenig davon ab, und sie wurde wehmütig, wenn sie daran dachte, daß dieser Tanz bald zu Ende wäre und an seine Stelle wieder die Würde der Abonnementskonzerte träte, von denen man nicht mehr hatte als jedesmal ein neues Kleid, und die man nur besuchte, weil es zum guten Ton gehörte. Als Tante Sophie im April nach Hause zurückkehrte, hatte sie aber nicht den Mut, auf ihr Abonnement zu verzichten; es war auf Lebenszeit genommen, und sie mußte sich damit abfinden.

Im Stockmannschen Hause blieb es die alte Motette, die früher einmal eine Melodie mit geraden Holzschnittlinien gewesen war, nun aber längst durch weichliche Schnörkel stillos und schwülstig geworden war. Bei Johannes mehr Empfindung, aber doch immer nur einem geistlichen Liede vergleichbar, wie es jeder Kantor für den Hauptgottesdienst komponiert, Mendelssohn, Abt und ein wenig Lassen ...


So hörten sie ein jedes, was ihm zukam. Die einen bestimmten sich die Musik ihres Lebens selbst, die anderen bekamen zu hören, was eben da, wo sie im Leben standen, gespielt wurde.

Die Zeit schlug ihren Rhythmus dazu, eintönig dem einen, dem andern ein frischer Puls bewußten Lebens.

Sie schleppte sich durch den Winter hindurch, bis die Stürme des Frühlings das Eis zerhämmerten. Sie brachte Blumen und eilte leichtbewegt über die Wiesen, um alle diese Blumen zu verstreuen. Nun war es schon der langsame, schweigende und klingende Rhythmus des Sommers geworden.