Julie zuckte die Achseln.

Die Schwestern gingen zur Ruhe. Evelyns Hand glitt noch einmal über den Sarg. »Morgen bring’ ich dir wieder frische Blumen!« flüsterte sie.


Nun war das ganze Haus eingeschlafen.

Agnes Elisabeth schloß behutsam die Wohnstubentür. Ihr Kleid streifte die Kränze am Sarg. In der Hand hielt sie eine kleine Petroleumlampe, die sie auf eine Truhe an der Wand setzte. Die Kuppel klirrte eine Weile. Von der Decke glitt eine sammetbraune Motte und zog langsam um das Licht. Agnes Elisabeth blickte sinnend auf den rosig leuchtenden Alabasterfuß und in das trübe Petroleum. Dann wendete sie sich um.

Die Schatten der Nacht zeichneten den Sarg übernatürlich, hoben ihn gleichsam in die Höhe. Die Kränze hatten sich zu einer dunkeln Masse zusammengetan. Da starrten wohl noch einige aufrecht wie Schildwachen, aber die meisten waren müde zusammengesunken. So lagen sie da, alle beieinander, die bunten Gewinde von den reichen Bauern, der dünne Tannenkranz von der alten Nortorf, mit seinen paar roten Fensterblumen, — sie hatte so manches Kleid für Frau Hellwege gemacht —, die anspruchsvollen Maréchal-Niel-Rosen vom Vormund, die schönen und die häßlichen: die Nacht hatte sie alle gleichgemacht, hatte allen Blumenduft in sterbenden Modergeruch verwandelt.

Agnes Elisabeth wußte nicht, wie lange sie da gestanden hatte. Sie fühlte nur, wie ihre Arme schwer in den Gelenken hingen. Plötzlich hörte sie ein sprödes Schluchzen. Als ob eine Stimme sich aus allen den toten Blumen losgerungen hätte! Erst als Tränen sich zögernd von ihren Augen lösten und den Weg über ihr Gesicht suchten, wußte sie, daß das Schluchzen von ihr gekommen war.

Sie sah sich hilflos um. Da war ein alter Strohstuhl neben der Truhe. In dem kauerte sie sich zusammen; sie stützte ihre Arme auf die Knie und legte das Gesicht in beide Hände.

In der Ecke stand der grüne Schrank; oben hinter dem geschweiften Aufsatz war eine Schar von Einmachegläsern aufgebaut. Von da oben herunter glitt langsam etwas Schwarzes, Weiches. Es stand einen Augenblick still, lang und geschmeidig. Das war die alte Katze. In dem hochgehobenen Schwanz bebte ein Zittern. Die glasigen Augen sahen sich suchend um. Dann schob sie ihren Körper mit streichelnder Bewegung nach vorn. Die Pfoten ließen den Sand auf der Diele nur eben schnurren. Sie kam langsam am Sarg vorüber, schnüffelte an den Kränzen vorbei, blinzelte zur Lampe hinauf und rieb ihren Rücken an Agnes Elisabeths Kleid.

Die fuhr mit einem kleinen Schreck in die Höhe, als wüßte sie nicht recht, wo sie wäre.