Julie lehnte den Kopf etwas zurück und faßte ihr Buch mit beiden Händen. »Ich möchte nicht für andere Menschen arbeiten! Was ich tue, geschieht nur für mich selbst!« sagte sie langsam.
Craner sah sie erstaunt an. »Priesterin des neuen Glaubens«, fuhr es durch seinen Kopf.
Agnes Elisabeth lachte kurz. »Nicht wahr, Sie halten uns für sehr egoistisch?«
»Das sind wir schließlich alle,« lenkte Craner ein. »Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, daß es Freude macht, seinen Mitmenschen zu helfen. Natürlich ist auch diese Freude eigentlich eine selbstsüchtige Empfindung, doch ...«
»Ich will nach meinem Geschmack leben; weil meine Arbeit ihm entspricht, tue ich sie,« sagte Julie und brach eine weiße Rose ab. »Wenn andere Menschen etwas von meiner Arbeit haben, soll es mich freuen. Aber dies ist nicht der Zweck, den ich verfolge; ebensowenig, wie es mir auf Erfolg ankommt.«
»Das ist sehr heldenmütig!« sagte Craner mit leisem Spott und lächelte.
»O nein!« kam es kühl zurück.
»Übrigens führen Sie Ihre Idee auch nicht ganz durch!« begann Craner wieder. »Sie leben hier doch alle füreinander, nicht wahr?«
»Ich glaube nicht,« sagte Julie. »Nebeneinander! Nur Agnes Elisabeth, ja!« Sie drehte den Kopf hinüber. »Sie lebt für uns! Aber sie ist auch die Güte selbst!« fügte sie mit heiterem Lächeln hinzu.
Agnes Elisabeth schwieg, als Craner sie anblickte. Sie kam sich plötzlich so allein mit ihm vor, und es war gut, daß Gesch Margrets Schürze erschien. Das Essen ging kurz vorüber. Craner erzählte von seinem Aufenthalt in Kapstadt. Er hatte treffende Vergleiche, satte Farben. Die Schwestern hörten angeregt zu. Evelyn genoß das Weite, Unbekannte, und schwelgte in der Empfindung von noch blauerem Himmel, von Wärme, die noch heißer flimmerte. Mariannes Phantasie ging in die silbernen Mondnächte hinein; sie sehnte sich nach der lauwarmen Luft, die ihren Körper streicheln und ihr heißes Blut in Erregung bringen würde.