»Das weiß ich,« sagte Evelyn bestimmt. »Im Himmel ist alles so, wie ich es mir wünsche.«
Marianne lachte kurz. »Das glaub ich nicht! Ich will jedenfalls erst mal hier auf der Erde glücklich sein!«
»Wie willst du denn glücklich sein, wenn du Angst vor dem Tode hast?« fragte Evelyn. Sie richtete sich auf, stützte die Hände auf die Matte und sah ihrer Schwester ins Gesicht.
»Man muß eben gut sein hier auf der Erde!« sagte sie kleinlaut. »Dann kommt man in den Himmel. Und dann braucht man sich vor dem Tode nicht zu fürchten!«
Evelyn sah sie spöttisch an. »Deinen Himmel wünsche ich mir nicht!« sagte sie energisch; dann ließ sie sich wieder auf der Matte nieder und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
Der Lichtstreifen hinter dem Sarge war mehr und mehr verblaßt und dann verschwunden. Graublaue Dämmerung stand schweigend zwischen den Wänden.
Die beiden Mädchen träumten unter dem Sarge von einem fernen Glück. Für Evelyn war es ein traumhaftes Jenseits, für Marianne eine heiße Gegenwart, die schon vor der Tür stand und die Arme nach ihrem sehnsuchtsvollen Leibe ausbreitete.
Violette Schleier senkten sich langsam von oben herab.
Marianne lag, ohne sich zu rühren, und fühlte ihr Blut rinnen.
Evelyn hob die Hand und strich über das Holz des Sarges. Da war eine Stelle so weich. Sie glitt langsam darüber hin. Was mochte das sein? Das Holz war hart; aber diese eine Stelle war ganz weich, wie Seide. Sie faßte wieder hinauf; jetzt war es nur das harte Holz, aber nun hatte sie es wieder, weiter oben. Sie richtete sich auf, um zu sehen, was es eigentlich sei. Sie hob sich in die Höhe — und dann schrie sie auf. Eine haarige Raupe kroch langsam am Sarg hinauf. Evelyn floh nach der Tür und begann plötzlich zu schluchzen.