»Komm, sei vernünftig!«
Die Kleine sah eine Weile vor sich hin, dann warf sie den Kopf zurück und folgte Marianne in das Wohnzimmer.
Ein großer Raum mit vier niedrigen Fenstern, vor denen weiße Mullvorhänge mit roten Übergardinen hingen. Auf den Fensterbänken blutrote Geranien und schmächtige Zimmerlinden mit großen Blättern. In der Ecke ein rotes Sofa, mit altem Gobelinstoff überzogen, ein zierlicher Damenschreibtisch, an dem Frau Hellwege ihre wenigen Briefe geschrieben hatte, vor dem Kamin ein weißes Bärenfell, blasse Polster, in der Mitte ein runder handfester Tisch. Um ihn herum Bauernstühle mit grünen Seidenkissen, die von den Balltoiletten der Urgroßmutter träumten. Auf der blankgescheuerten Holzplatte des Tisches war zum Abendessen gedeckt.
Agnes Elisabeth saß schon an ihrem Platze und schnitt Brot. Der erste Eindruck, den man hatte, war krauses rotgoldenes Haar, das wie Feuer um ihren Kopf glühte, und eine feinknochige Figur. Sie war nicht schön, das Gesicht kühn geschnitten, die Nase fein und fest, die Augen blaßgrau.
Julie stand am Fenster. Ein Rest von Licht fiel auf das kapriziöse Ohr und hob die geschwungene Linie, die zur Schulter lief, scharf heraus. Es war ihre beste Linie. Julie liebte es, in der Dämmerung am Fenster zu stehen. Sie wußte von dem mattgoldenen Schleier, der ihre Haut schimmern ließ und alle Schatten ihres blaßblauen Leinenkleides weich machte. Aber Julie war nicht eitel ...?
»Bleib sitzen, Agnes Elisabeth, laß mich eingießen!« sagte Evelyn, nahm Tine Schwenke, die große Grünglasierte, ging mit ihr um den Tisch und goß den Tee in die gelben, grünen, blauen Tassen.
»Dein Haar sieht wunderschön aus in diesem matten Licht.« Sie hatte ihren Kummer schon vergessen und sah nur die Schönheit, die vor ihr stand.
»Früher streute man Asche darauf, wenn man trauerte; das müßte dir stehen! Wie grauer Spitzentüll!«
»Was du immer für verrückte Ideen hast, Evelyn,« sagte Marianne. Ihr rundgeschweifter Rücken machte träge die Bewegung des Kauens mit. »Das würde ein netter Schmutzkram werden! Komm, gib mir lieber mal etwas Schinken!«
Evelyn lachte und schob ihr einen Teller hin.