Alles, was an irrenden Empfindungen sich sonst gekühlt hatte auf Rasenflächen und in goldenem Wasser, saß nun eng beieinander und schwelte und glomm.
Mariannes Wangen röteten sich tiefer über dem weißen Leinen. Zu Anfang gefiel sie sich in dem gewöhnlichen Brautglück. Da blätterte man in Katalogen, hatte Gratulationsbriefe zu lesen und ließ sich von der geschmeichelten Schwiegermutter verziehen.
Aber das Neue wurde alt, und die rosa und himmelblauen Farben wurden nüchtern. Zwischen Tag und Abend gab es Stimmungen, wo Marianne eine Bitterkeit überkam. Daß dies nun alles war! Daß es keine dunkeln Ecken mehr gab, wo man sich ängstlich und heimlich küssen konnte, daß es hell lichter Tag sein sollte, wenn Lukas’ Lippen die ihren berührten. Und dann fand sie auch manchmal, daß es eigentlich eine Anmaßung wäre, daß Lukas Allm sie liebte. Sie deuchte sich viel zu gut für ihn. Und über ihn hinweg reichte sie einem die Hände, der nicht da war und nie kommen würde. Das quälte sie zuerst, dann wurde es ein Genuß, von dem sie bald nicht genug haben konnte. Wenn Lukas Allm kam, geschah es oft, daß sie sich in ihr Zimmer einschloß und ihn nicht sehen mochte. Sie saß dann mit vielen Kissen in einem Korbstuhl, während er draußen auf Fußspitzen vorbeischlich; und sie haßte ihn, weil er da war, weil er sie heiraten wollte, weil er nicht mehr war. Sie weinte, biß sich in die Finger und kostete alle Wonnen der Phantastik bis zur Neige. Wenn sie an diese Neige kam, sehnte sie sich plötzlich nach seinen breiten Händen und verlangte nach seinen Küssen. Und der Schluß war fast immer derselbe: sie lief zum Schulhaus hinüber. — Es war Mitleid darin, wenn sie sich dann an ihn preßte, ein angenehmes Gefühl von Herablassung mit einer Würze von Märtyrertum.
Anders waren die Abende.
Mancherlei Gedanken stiegen auf, und schauernde Empfindungen breiteten sich. Vielleicht, weil das Leinen kühl war und die Hände heiß, vielleicht auch, weil es gerade Nachtkleider waren, die sie nähte. Wenn sie da alle vier um den Eßtisch saßen, war in ihr nichts anderes als ein Warten auf das Schlafengehn. Die fertige Wäsche wurde dann in ihr Zimmer gelegt, — sie schlief jetzt allein, — und nachdem sie die Tür verriegelt hatte, bekleidete sie sich vor dem Spiegel in einer gewissen lüsternen Neugierde mit allem dem Kalten, Feinen, das ihre Haut kühl betastete. Und die Nachtkleider hob sie sich bis zuletzt auf. Nicht etwa, daß sie jetzt an Lukas Allm gedacht hätte; sie wußte sehr wohl, daß das nicht passend gewesen wäre. Aber gerade diese Grenze war nur ein Reiz mehr. Das Ungewisse wartete noch auf sie. Wenn ihre Phantasie rosenrot um sie herum stand, legte sie sich in ihr Bett, in das weiche, weiße, volle Bett. Und wenn sie wollte, dann lag sie kalt, ohne sich zu rühren, und lauschte, wie es um sie brauste. Und dann wollte sie niemals ihr Mädchenbett verlassen. Aber zu anderen Zeiten, — und die kamen, — häufte sie Kissen neben sich, schlang die Arme um sie ... Und dann küßte sie, — nicht Lukas Allm, aber ihn!
Alle Wirklichkeit stand dann weit, weit fort.
Diese Abende blieben auch nicht ohne Einfluß auf die anderen. Es war immer dasselbe Bild. Die Stube mit ihren dämmernden Ecken, die Hängelampe, die leise hin und her schaukelte, der Tisch mit Leinen bedeckt, und da saßen sie, verbissen sich in ihre Arbeit, schwiegen und ließen ihre Gedanken wandern. Wovon man sprach, — man tat es nicht allzuoft — war natürlich immer die Aussteuer und die täglichen Nichtigkeiten der Ehe. Evelyn fand dies alles nüchtern. Daß man ganze Ballen Zeug mit lautem Ratschen zerriß und ohne Ende rote Buchstaben und Zahlen stickte! Sie wollte nur Seide haben, knisternde Seide und viele Spitzen; vor allem müßte alles plötzlich vor ihr liegen, und man dürfte nicht wissen, woher es käme.
Julie wurde sich über manche Dinge klar, an die sie bisher nur gelegentlich gedacht hatte. Ohne Hochmut! Da war weder Spott über Mariannes bräutliche Wichtigtuerei, noch jene gemachte Überlegenheit, die nichts ist als Neid und boshafter Entgelt für verletztes Schamgefühl. Sie wurde von der schwülen Atmosphäre — denn in aller Gedanken war der Mann gegenwärtig, und in dem Schweigen war viel von der erwartenden Bangigkeit des Weibes, das seine Nähe fühlt — eigentlich nicht berührt. Aber sie stand mit offenen Augen vor diesen neuen Vorgängen und ging mit ihrem Verstande, wie sie glaubte, in Wirklichkeit mit ihrem Empfinden daran, diese Eindrücke zu verarbeiten.
»Die Frau ist in der Ehe doch nur ein Anhängsel,« sagte sie einmal.
Marianne widersprach ihr würdevoll und redete von der veredelnden Kraft der Liebe.