Julie schüttelte den Kopf.
»Liebe ist bei ihm nur eine kleine Kammer seines Innern, wo er seine paar Empfindungen zusammengeworfen hat, weil er sich zwischen ihnen nicht mehr zurechtfinden kann, also etwas ganz Nebensächliches! Dort aber, wo er zu Hause ist, will er die Frau gar nicht bei sich haben. Da ist sie ihm nur im Wege!«
Hier sah Agnes Elisabeth auf, mit einem Blick voll Hilflosigkeit.
»Im Innersten will er nicht, daß die Frau neben ihm steht,« fuhr Julie fort. »Die mag nur in der Kammer bleiben, und wenn es ihm gefällt, will er sie dort besuchen.«
Und ein anderes Mal meinte sie, die Frau gebe in der Ehe zuviel auf.
»Empfindungen darf man schon gar nicht in die Ehe mit hineinbringen. Denn der Mann will nur die eine Empfindung von seiner Frau haben, daß sie ihn liebt, das heißt, daß sie für ihn sorgt, daß das Essen gut schmeckt, und daß das Zimmer warm ist, und daß sie sich von ihm küssen läßt, wenn er gerade Lust hat.«
Auch mit dieser Ansicht blieb Julie natürlich allein. Denn die andern und vielleicht sogar Evelyn fühlten sich innerlich viel zu sehr beteiligt, als daß sie Julies Nüchternheit hätten gutheißen können. Zum mindesten hatten sie alle drei schon einmal mit dem Gedanken an eines Mannes Liebe gespielt, und ihre Phantasie hatte Bilder geschaffen nach eigenem Wunsch und eigener Sehnsucht. Das hatte Julie nie getan. Für sie war die Ehe nicht der heimliche Garten, der jenseits der Berge lag, dessen Düfte abends wohl herüberzogen, sondern etwas Selbstverständliches, ja Gleichgültiges, daß man sich Gedanken darum nur machte, wenn ein äußerer Anlaß sie herbeirief. Einmal sagte sie ganz ruhig und gelassen zu Marianne: »Auf dem Boden steht noch unsere alte Wiege: nimm sie dir doch mit!«
Das gab drüben einen hochroten Kopf und bei Agnes Elisabeth stumme Empörung.
Julie verstand nicht, wie man dadurch verletzt sein könnte, und machte ein verwundertes Gesicht. Übrigens hatte diese Bemerkung eine tiefere Wirkung, als Julie geglaubt hätte. Marianne begann nämlich von diesem Tage an darüber nachzudenken, daß sie Kinder haben würde. Und das war gut für Marianne. Denn ihr Empfinden, das in der Treibhausluft ihrer Sinnlichkeit schon seltsame Auswüchse hervorgebracht hatte, bekam nun mehr Platz, breitete sich auf dem weichen Ahnen von Mütterlichkeit und entwickelte sich zu einem kräftigen Gefühl. Von Natur aus war Marianne gesund. Ihre Gesundheit war nur so vollblütig, daß sie zur Gefahr für sie hätte werden können. An dieser Gefahr kam sie nun vorbei. Der größere Teil ihrer Gefühle vereinigte sich nun auf das Kind; sie fand daran Arbeit genug, sehnte sich und hoffte, nährte und erzog und baute Schlösser in blaue Möglichkeiten hinein.
Agnes Elisabeth dachte bei dem allem, daß sie es sein könnte, für die man nähte, und daß sie es nicht war. Eigentlich dachte sie nur dieses. Und es tat ihr nicht einmal besonders weh; Ecken und Kanten hatten diese Gedanken gar nicht. Aber sie lagen auf ihr, wie eine Schicht grobfaseriger Sägespäne. Sie wartete immer, daß Heinrich Craner noch käme, aber sie hoffte nie darauf. Sie dachte auch an ihre Liebe zu ihm. Aber liebte sie ihn noch? Es begann eine weite Ebene in ihr zu werden. Oft schloß sie die Augen; es war ja nichts da, wonach sie auszuschauen brauchte, und dann war auch alles so glatt, und es ging sich so weich in dieser Dämmerung.