Im übrigen war diese Zeit wie eine schläfrige und eintönige Musik. Die Tonleitern des Haushalts stiegen auf und ab, am Sonntag in C-Dur, am Montag in G-Dur, am Dienstag in D-Dur. Dazu kam vielleicht alle drei Wochen einmal die sentimental lärmende Weise eines Kaffeekränzchens beim Pastor.
Nur eine frische Melodie gab es. Wenn die Nebel zerrissen und die Wiesen fest wie eine blendende Glasplatte dalagen. Dann wurde die Wäsche beiseite geworfen, und die Wirtschaft mochte liegen bleiben. Die Schlittschuhe wurden geholt und mit gerafften Röcken ging es hinaus in die Winterluft, vom Morgen bis zum späten Abend. Es war keine Seltenheit, daß die Dunkelheit sie überfiel und sie zwang, in einem kleinen Wirtshaus zur Nacht zu bleiben; das erhöhte dann nur die kecke Stimmung und steckte manch flackerndes Gelächter an. Kamen aber die Wolken wieder herauf, schleppte sich der warme Wind über die krachende Eisfläche, dann war auch diese Melodie verklungen.
Natürlich verging kein Tag, an dem nicht Lukas Allms Gestalt das Zimmer füllte. Er hatte etwas von einem treuen Hunde, der behaglich von einem zum andern geht und dann breit an einem Flecke sitzen bleibt. Sie hatten ihn alle gern, wenn auch von einem geschwisterlichen Verhältnis keine Rede sein konnte. Er war da, und weil er nicht störte, gewöhnte man sich an ihn. Auch seine gutmütige Zärtlichkeit gegen Marianne hatte man sich schlimmer vorgestellt.
Vor allem aber — dessen wurden sie sich natürlich nicht bewußt — wirkte seine Gegenwart befreiend. Denn jene unbestimmbaren Empfindungen, die das Schweigen aus der Tiefe herauskommen ließ, alle die Gedanken und Ahnungen, die in diesen Ehevorbereitungen die Nähe des Mannes witterten, verflogen im Nu, wenn Lukas Allm ins Zimmer trat.
Da saß er dann, flüsterte mit Marianne und machte seine Späße mit Evelyn. Man brauchte sich nicht vor ihm zu fürchten, denn es war ja nicht er, der eben noch aus jener Ecke schreckhaft herübergeblickt hatte.
So gingen denn die Tage und verschwanden, neue kamen und immer neue, blieben ihre Weile und waren vergessen. Ein spärliches Licht breitete sich auf Stunden, als der Tannenbaum brannte und Frau Allm im Schwesternkreise ein paar Tränen über ihres Sohnes Glück vergoß. Dann ging es in das neue Jahr hinein.
XIV
So kam auch nun für Evelyn der Tag, von dem in der Predigt so eindringlich zu hören ist, daß er die Kinderzeit abschließe und die Tore des Lebens und der Welt öffne. Jener Tag, der oft verhängnisvoll wird, weil er die Seele des Kindes erschreckt und zaghaft macht.
Nicht allein, daß man dem Kinde in dieser Zeit einredet, seine Sündenschuld sei unermeßlich, und nur der Glaube könne es wieder mit Gott versöhnen, während das Kind doch genau weiß, daß es sich bisher mit seinem lieben Gott sehr gut vertragen hat. Nicht genug, daß hierdurch die Begriffe des Kindes verwirrt werden, daß es plötzlich ängstlich wird, sich abquält, seine Sünden zu erkennen, sich selbst zum Feinde zu nehmen und rührende Versuche macht, den wahren Glauben zu erkämpfen, während Denkvermögen und Empfinden sich sträuben und doch nicht stark genug sind, solchen Widersinn zu begreifen.
Die eigentliche Gefahr ist dies noch nicht.