Wie Schauberg richtig sagt, sind die Freimaurer Lichtgläubige und Lichtsuchende; das Logenleben ist ein wahrer Lichtdienst und jede Loge ein Tempel des Lichtes. Das höchste Fest der Loge ist daher die Aufnahme eines Suchenden, deren Hauptteil die Erteilung des Lichtes an ihn bildet. Darum nur ist die Loge dunkel, damit durch das Anzünden der Lichter ihr Charakter als Tempel des Lichtes vollkommen zum Bewußtsein der Brüder gelange. Die Loge gleicht daher der Erde, die in der Nacht dunkel ist und mit dem Aufgange der Sonne erhellt wird, die im Winter düster und kalt ist, um bei dem Anbruche des Frühlings mit Licht und Wärme durchdrungen zu werden. Wäre die ganze Menschheit in gleicher Weise des Lichtes bedürftig, so wäre die Loge überflüssig, und ganze Völkerscharen würden am Morgen früh auf lichten Höhen der Sonne zujubeln und deren, wie ihren Schöpfer preisen und am Ende des Winters mit heiligen Gesängen den Einzug des Frühlings begrüßen.
So weilt denn auch der das Licht Suchende und im Einklang damit „hell leuchtend“ ballotierte Kandidat in der dunklen Kammer, in die ihn sein Pate geführt hat, in diesem Abbild der Loge im kleinen, auch Kammer des Nachdenkens genannt, um mit sich zu Rate zu gehen, warum er das Licht suche und was er im Lichte suche und finden werde. Die dunkle Kammer ist ein Abbild des Mutterschoßes und zugleich des Grabes; feuchte Wände umgeben sie und schließen Abbilder des Todes ein; sie gleicht also auch dem Dunkel, von dem wir vor der Geburt und nach dem Tode umhüllt sind.
Man kann auch der Ansicht sein, daß diese düstere Umgebung nicht zweckmäßig sei und dem Suchenden üble Eindrücke verursache; sie war auch in den ersten Zeiten des Daseins der Freimaurerei nicht gebräuchlich und gehört, soviel Sinn sie auch hat, zu dem Theatralischen, mit dem sich der Bund, nicht zu seinem Vorteile, umgeben hat.
Doch, nach dem vorherrschenden Gebrauche wird das Gleichnis der Geburt zum Lichte fortgesetzt. Der vorbereitende Br. erscheint, spricht dem Suchenden freundlich zu, und erklärt ihm, daß der Lichtsuchende dem neugeborenen Kinde gleich sein müsse, das nackt, arm und (geistig) blind in die Welt trete. Diese Prozedur wurde früher maßlos übertrieben; man begnügte sich zuletzt, den Suchenden das Oberkleid ablegen zu lassen und den einen Fuß in einen niedergetretenen Schuh zu hüllen[3], was aber nicht mehr allgemein üblich ist. Dagegen blieb die Abnahme alles beweglichen Metalles (oder der Wertsachen) und das Anlegen der Augenbinde. Beides ist auch ein schönes Zeichen des Vertrauens in die guten Absichten der Brüderschaft.
Eine der schönsten Stellen in den Reden des Heilandes sagt: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Diese Zuversicht ist wahrlich nicht überall so gerechtfertigt und angebracht wie in der Loge. Diese ist geduldig und nachsichtig, und wenn die in der dunkeln Kammer gegebenen Antworten auf die an den Suchenden gerichteten Fragen nur einigermaßen befriedigend sind, so wird ihm und seinen Führern auf ihr Anklopfen in maurerischer Weise (mit 3 starken Schlägen, welche die 3 obigen Verheißungen bedeuten sollen) die Türe des Tempels aufgetan.
Nachdem der Suchende auf die Frage des M. v. St. erklärt hat, was er in der Loge suche, bemerkt ihm der Vorsitzende: wie der Eintritt in den Tempel den Eintritt in das Leben, so bedeuten die Vorgänge in der Loge das Leben selbst. Das Leben sei eine mannigfach bewegte Reise, auf der man sich oft verirren, aber schließlich doch an das erstrebte Ziel gelangen könne. Wie der Mensch auf der Reise des Lebens in vieler Hinsicht geprüft werde, so müsse auch der Lichtsuchende seine Sündhaftigkeit beweisen. Dies geschieht nun durch die drei Reisen, die in jedem Grade auf verschiedene Weise in einem Umgange um die die Mitte des Saales einnehmenden Lichter unter sicherer Führung vollführt werden. Im ersten Grade sind es die Elemente, die der Suchende zu berühren hat, nämlich das Feuer, das Wasser und die Erde, an deren Stelle in einigen Lehrarten die Luft tritt.
Dies wird folgendermaßen erklärt: Der Aufzunehmende hat das Licht gesucht und ist in verzehrendes Feuer geraten. Oft werden strebende Menschen von dem wilden Feuer der Leidenschaften versengt und gehen darin unter. Aber durch weise Vorsicht ist das Feuer zu bändigen und zum wohltätigen Wärmespender umzuwandeln.
Im Wasser erlischt die zügellose Flamme; aber das Wasser der kühlen Selbstsucht erstickt auch die heilige Glut der Begeisterung für Menschenwohl. Die weise Besonnenheit aber drängt die kalten Wogen der Gleichgültigkeit für das Ideal zurück und gestattet den Fluten nur ihre wohltätige Wirkung zum Besten der Gesundheit und Reinlichkeit auch im Seelenleben.
In den Staub der Erde versinken Reichtum, Pracht und Schönheit; aber der fruchtbringende Schoß der Mutter Erde befördert das Samenkorn, das in sie versenkt wird, zu herrlicher Blüte und wohlschmeckender Frucht.
Die Probe der Luft ist uns nicht bekannt und auch in unseren Hilfsmitteln nicht erwähnt.