Wer soll Lehrling sein?
Jedermann.
Handwerkerspruch.
a) Die alten Grade.
Die drei Grade der Lehrlinge, Gesellen und Meister sind die einzigen, die von der großen Gesamtheit aller Freimaurer übereinstimmend gepflegt und anerkannt werden und auch überall dieselben sind; alle anderen kommen nur vereinzelt vor und stimmen unter sich weder in Zahl noch Namen überein. Diese 3 Grade, auch nach der Farbe ihrer Abzeichen blaue oder nach dem Schutzheiligen der alten Steinmetzen Johannisgrade genannt, sind sehr alt.
Die Werkmaurer und nach ihnen die meisten Handwerker kannten sie von alters her, und die Freimaurer, die sie in der ersten Zeit nach der Entstehung des Bundes nicht übten, wohl weil sie nicht mehr bloß aus Handwerkern (wohl gar nur noch zum geringen Teile) bestanden, nahmen sie aber bald nach der Gründung des Bundes an. Diese Grade sind die Stärke und bilden die Einheit des Bundes; in ihnen liegt die Möglichkeit seines Bestandes, weil das Streben nach Emporsteigen, nach tieferen Erkenntnissen und nach fruchtbarerem Wirken der begabteren Menschenseele angeboren ist. Die Grade haben, wie ihr Name (Stufen) sagt, den Zweck, zu höherer Erkenntnis vorzuschreiten. Es ist sehr zweckmäßig, daß nur ältere, erfahrenere Männer die Leitung eines Bundes in Händen haben, und daß die jüngeren, noch unerfahrenen Brr. sich besserem Wissen fügen lernen, ehe sie ebenfalls die höheren Stufen erreichen. Diese älteren Brr. sind die Meister, die unmittelbar vor dieser Stufe stehenden die Gesellen und die erst noch zu lernen haben, was ein Maurer ist, die Lehrlinge.
Der Stufengang der 3 alten Grade versinnbildlicht das Leben des Menschen, und ihr Charakter läßt sich folgendermaßen kurz kennzeichnen.
| Grade: | Lehrling: | Geselle: | Meister: |
| Lebensabschnitte: | Geburt. | Leben. | Tod. |
| Werkzeuge: | Zirkel. | Winkelmaß. | Hammer. |
| Arbeiten: | Roher Stein. | Quaderstein. | Reißbrett. |
| Tugenden: | Selbsterkenntnis. | Selbstbeherrschung. | Selbstveredlung. |
| Leitideen: | Schönheit. | Stärke. | Weisheit. |
| Soziale Ideen: | Brüderlichkeit. | Gleichheit. | Freiheit. |
| Weltkörper: | Erde. | Mond. | Sonne. |
| Weltlichter: | Menschheit. | Gewissen. | Gottheit. |
Die Erklärung dieser drei mal drei Dreiheiten ist teils bereits gegeben, teils wird sie hier und weiterhin folgen.
Um Freimaurer, also zunächst Lehrling zu werden muß der Aufnahmesuchende ein „freier Mann von gutem Rufe“, also in selbständiger Stellung und ohne Makel sein. Er ist aber in diesem untersten Grade erst ein Schüler der königl. Kunst und daher in den verschiedenen Systemen den anderen Graden an Rechten mehr oder weniger hintangesetzt, an Pflichten aber gleichgestellt, was ihn antreiben muß, emporzusteigen und seine Gleichberechtigung mit den höheren Stufen zu erringen. Die Zeit, in welcher dies geschehen kann, ist verschieden festgesetzt und hängt auch von den an den Tag gelegten Fähigkeiten und Leistungen des Lehrlings ab. Auch das Alter der Aufnahme und Beförderung ist verschieden, meist aber das der Volljährigkeit, doch können die Söhne von Meistern (Luftons genannt) früher aufgenommen werden. Da der Lehrling neu in den Kreis der Brr. tritt, ist der Zirkel sein Werkzeug, und woran er zu arbeiten hat, wird unter dem Bilde eines rohen Steines dargestellt, an dem er sich zu üben hat, die Rauheiten seines Ich zu ebnen und zu glätten, mit anderen Worten: zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Wie seine Aufnahme zeigt, entspricht sie der Geburt des Menschen, daher sein Licht die Menschheit im weiteren, die Brüderlichkeit im engeren Sinne ist. Unter den maurerischen Tugenden ist es die Schönheit im geistigen Sinne, der seine Arbeit gewidmet ist. Unter den uns näher stehenden Weltkörpern ist unsere Erde, die kein Licht gibt, ein Bild des Lehrlings. Im weiteren Sinne sind eigentlich alle Maurer Lehrlinge, da jeder Mensch noch zu lernen hat, daher die allgemeine Versammlung der Brr. Lehrlingsloge heißt.