Der Grad des Gesellen ist seinem Wesen nach eine Mittelstufe, ein Übergang, hat daher in der Loge keine besondere Bedeutung. Es gibt keine Gesellenloge, ausgenommen zum Zwecke der Beförderung eines Lehrlings zum Gesellen, als welcher er keine besonderen Rechte hat, sondern sich auf den Meistergrad vorbereitet. Desto mehr sinnbildliche Bedeutung hat dieser Grad, als dessen besonderes Werkzeug das Winkelmaß und als dessen Arbeit die Herstellung des rohen Steines zu einem kubischen betrachtet wird, d. h. er hat alle Unebenheiten abzustreifen und sich eines rechtwinkligen Verhaltens zu befleißigen, also Selbstbeherrschung zu üben, Stärke an den Tag zu legen und zu diesem Ende das Gewissen als sein Licht zu betrachten. Das Leben in seiner Blüte, das Streben nach Gleichheit ist seine Sphäre. Diese Aufgaben werden in verschiedener Weise versinnbildlicht.
Im rektif. schott. System wird das Hauptgewicht auf die Selbstbeherrschung gelegt; der zur Beförderung zugelassene Geselle sagt sich von eigensüchtigen Gelüsten los; er wirft daher bei seinen Reisen die Zeichen der Habsucht (Goldmünze), der Ruhmsucht (Bronzemedaille) und der Rachsucht (Dolch) von sich. Im englischen System ist die Blüte des Lebens der leitende Gedanke; der Geselle wird daher unter Musik und Blumenkränzen umgeführt. Da er Licht nur empfängt, aber noch kein eigenes, sondern nur entlehntes ausstrahlt, ist er dem Monde zu vergleichen.
Der Meister ist zur Regierung der Loge im Vereine mit der Meisterloge berufen. In allen Dingen hat er das erste Wort, in manchen, sofern der Lehrlingsloge nicht Bestätigung zusteht, auch das letzte. Er sieht auf das Leben zurück und zugleich auf dessen Ende und auf die Unsterblichkeit voraus, daher Selbstveredlung seine Bestimmung ist. Der Hammer als oberstes Werkzeug kommt ihm allein zu; er versinnbildlicht die Macht im Bruderkreise. Die Weisheit, die seine Tugend sein soll, lehrt ihn, der rauher Arbeit nicht mehr bedarf, auf dem Reißbrett zu zeichnen, d. h. den unter ihm stehenden Brrn. ihre Arbeiten anzuweisen und ihnen in allen Dingen voranzuleuchten. Sinnbildlich also kann er, ohne sich selbst zu überschätzen, Freiheit in Anspruch nehmen, die leuchtende Sonne als sein Vorbild und den a. B. a. W. als sein großes Licht zu verehren. In Übereinstimmung mit diesen Zügen hat die Erhebung zum Meister einen hochernsten, ja düsteren Charakter und wird von dem Gedanken an den Tod und der Vorbereitung auf diesen beherrscht, mit der vorwiegenden Rücksicht darauf, daß es ein schönes, ein heldenhaftes Ende des Lebens sein möge, wobei die Hoffnung auf die Unsterblichkeit nicht außer acht gelassen, vielmehr betont wird. Die Verknüpfungen des Meistergrades mit den indischen Brahmanen, den persischen Magiern, den Priestern der ägyptischen und griechischen Mysterien, dem Salomonischen Tempel, den Tempelrittern u. s. w. sind natürlich wohlmeinende, aber grundlose Phantasien. —
b) Die Hochgrade.
Die Entstehung der über den Meistergrad hinausgehenden sog. Hochgrade, die eine den Meistern angeblich noch unbekannte höhere Kenntnis der Freimaurerei bieten sollten, ist mit der Geschichte der Lehrarten (Systeme), die uns weiterhin beschäftigen werden, innig verknüpft. Die Hochgrade haben eine verschiedene Stellung in den germanischen und in den romanischen Ländern. Dort sind sie (allerdings mit Ausnahme des sog. schwedischen Systems) von den alten Graden (soweit sie nämlich überhaupt dort bestehen) getrennt, ohne Einfluß auf sie und eine Sache der Freiwilligkeit, beziehungsweise Eitelkeit. In den romanischen Ländern dagegen beanspruchen sie eine höhere Fortsetzung der Johannisgrade und beherrschen diese vollständig.
Gewissermaßen ein Embryo der Hochgrade sind gewisse Abteilungen des Meistergrades nach den Systemen Feßlers und Schröders, die sich als Engbünde und Erkenntnisstufen bezeichnen, eine gründlichere Kenntnis der freimaurerischen Geschichte und Lehre bezwecken und auch über die Hochgrade anderer Systeme ihre Mitglieder belehren, aber keine Vorrechte vor den übrigen Meistern erstreben.
Die Hochgrade werden auch rote Grade, im Gegensatz zu den blauen, nach der vorherrschenden Farbe ihrer Abzeichen genannt. Was sie bieten, geht durchweg über die Freimaurerei hinaus und stammt aus den traurigen Zeiten ihrer Verirrungen. Den Inhalt ihrer Lehren bilden Entlehnungen, meist entstellte, aus den verschiedensten Religionen und Philosophien und aus einfachen Erdichtungen, die zum Teil von Aberglauben und geschichtlicher Unwissenheit nicht frei sind. Ihre Selbstüberschätzung zeichnet sich am besten durch die Anmaßung, die 3 alten Grade nur als Vorschule für ihren Gallimathias gelten zu lassen. Sie nennen sich „Orden“, nicht Bund.
Wir geben nun ein Verzeichnis aller Grade der beiden am weitesten verbreiteten Hochgradsysteme.
A. Das Schwedische System, in Schweden, Norwegen, Dänemark und Preußen, in jedem dieser Länder von einer Großen Landesloge geleitet, hat folgende Abteilungen.
I. Die St. Johannisloge mit den 3 Graden: 1. Lehrling. 2. Geselle. 3. Meister.