Die Zusammengehörigkeit der Freimaurer kennt irgend welchen Zwang nicht; in unbeschränkter Freiheit eignete sich ihr Bund nach und nach eine nicht leicht zu überblickende große Menge in ihren Kreisen allgemein verständlicher Sinnbilder in Form von Worten, Zeichen, Lehren und Gebräuchen an. Alle diese Symbole haben einen tiefen Sinn, dessen Erfassung und Verständnis das einzige Geheimnis der Freimaurerei bildet. Die Enthüllung dieses Geheimnisses ist nur den im Bunde einheimischen Gemütern möglich, und die Unmöglichkeit es außerhalb desselben zu durchschauen, hat seit der Entstehung des Bundes eine wahre Flut von Spott, Hohn, Mißverständnis, Verleumdung, Haß und Verfolgungssucht gegen die Freimaurerei hervorgerufen.

Mißverständnis ist indessen den freimaurerischen Sinnbildern auch im Bunde selbst nicht erspart geblieben, aber nicht nur ohne allen bösen, sondern durch einen übertriebenen guten Willen. Es hat nämlich gelehrte Brüder gegeben, an denen das 18. und 19. Jahrhundert überreich sind, denen die Sinnbilder des Bundes viel zu einfach waren, die solche vielmehr wegen oberflächlicher Ähnlichkeiten mit solchen oder mit anderen Erscheinungen, die in verschiedenen Völkern und Religionen vorkommen, in eine Verbindung brachten, die bis in die Urzeiten des Menschengeschlechtes hinauf reichte, aber bei nüchterner Betrachtung der geschichtlichen Tatsachen unmöglich aufrecht zu erhalten ist. Wenn zwei oder mehrere menschliche Kreise gewisse Sinnbilder gemein haben oder ähnliche Symbole besitzen, so spricht dies noch lange nicht für ein Fortleben des einen Kreises in einem andern, sondern höchstens für eine Entlehnung von Zeichen, Worten, Lehren und dergleichen. Der verständige Freimaurer wird sich durch solche unhaltbare Phantasiegemälde nicht blenden lassen, sondern unentwegt an der Selbständigkeit des Bundes, wie dieser sich in der Geschichte entwickelt hat, festhalten und sie nach Kräften verteidigen.

Das richtige Verständnis der freimaurerischen Sinnbilder muß jedem Bruder zu allen Tugenden entflammen, die mit der Vernunft vereinbar sind, wie namentlich: Bruderliebe, Freundschaft, Gewissenhaftigkeit, Sittlichkeit, Wohltätigkeit, — mit Bezug auf besondere Verhältnisse: Gehorsam gegen die Gesetze des Landes und Bundes, Treue gegen den Bund, gegen Familie und Vaterland, Verschwiegenheit über die Angelegenheiten des Bundes, — mit Bezug auf sein eigenes Ich: Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung. Der wahre Freimaurer wird weder einem blassen und ungesunden Kosmopolitismus, noch einem selbstsüchtigen Individualismus huldigen, sondern die guten Seiten dieser Richtungen in einem gesunden Patriotismus vereinigen, wie denn der Bund selbst der Hauptlehre in den Sinnbildern nach kosmopolitisch, im Festhalten an der Selbständigkeit der heimischen Organisation patriotisch und in der liebevollen Sorge für die Seinigen individualistisch gerichtet ist.

Mit Bezug auf die philosophischen Richtungen der Zeit ist der Bund ganz entschieden einem düsteren Pessimismus abhold, ohne deshalb den Optimismus soweit zu treiben, daß er gegenwärtige Zustände für keiner Verbesserung bedürftig halten würde. Daraus folgt auch, daß sein Grundzug idealistisch und dem Materialismus abgeneigt ist, ohne aber von seinem Idealismus einen wissenschaftlich berechtigten Rationalismus und einen der Wirklichkeit ihr Recht zugestehenden Realismus auszuschließen.

Im Verhältnis zur Religion ist vor allem festzuhalten, daß die Freimaurerei keine Konfession ist und sich keiner solchen unterwirft, wohl aber gegen eine jede der Tugend günstige duldsam und gerecht ist. Gibt es auch in ihrem Schoße zwei Richtungen, eine christliche und eine humanistische, so sind doch beide darin einig, die Humanität hochzuhalten, die eben in der Beobachtung jener Tugenden besteht, welche die maurerischen Sinnbilder lehren.

Daher ist es auch dem Freimaurerbunde gemeinsam, daß er gegen alle Erscheinungen Front macht, die dem Begriffe der Humanität Hohn sprechen; solche sind: der Egoismus, die Intoleranz, die Habsucht, Streitsucht, Genußsucht und jede Art verbrecherischen Treibens. Er verwirft als Bund jede Gewalttätigkeit, sei es im kleinen als Zweikampf oder Attentate oder im großen als Krieg, den er freilich als Verteidigung des Vaterlandes zugeben muß. Daß er die jetzt im Verschwinden begriffene Sklaverei verabscheut, ist selbstverständlich.

Aus dem allem geht hervor, daß der Freimaurerbund kein „Großes Nichts“ (Grand rien) ist, wie einst behauptet wurde. Denn stets wird er an seinem Wahlspruche festhalten:

Weisheit leite unsern Bau,

Stärke festige ihn,

Schönheit ziere ihn.