Führen wir einige dieser Lichter der Menschheit als Beispiele an.
Der große chinesische Philosoph Kongfutse (genannt Confucius) 551-476 vor Chr., schon in seiner Jugend ein Wunder von Weisheit, zeichnete sich auch durch seine Bescheidenheit aus. Nachdem er den 50 Jahre älteren Weisen Laotse, der in seiner Einsamkeit ein Genügen fand, kennen gelernt, sagte er zu seinen Schülern. „Gedanken so hoch wie der Vogel in der Luft erreicht Laotse gleich dem Pfeile, solche so schnell wie der Hirsch holt er ein gleich dem Jagdhunde, solche so tief wie der Fisch im Meere bringt er gleich der Angel ans Licht.“ Und doch ist Laotse beinahe vergessen, und Kongfutse ist noch heute der gefeierte Lehrer seines Landes und der geistige Führer aller Gebildeten, und seine Nachkommen genießen besondere Vorrechte. Seine Moral ist im wesentlichen auch die des echten Christentums und die der Freimaurerei.
Der Indier Siddhartha, ein Sohn edelsten Geschlechts (um 560-480 vor Chr.) verließ infolge einer Erleuchtung über die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, nach der Sitte der Weisen seines Volkes (allerdings nicht nach heutigem Geschmacke) die Pracht seines Vaterhauses und lehrte, durch den Beinamen Buddha (der Erwachte) ausgezeichnet, als Bettelmönch zahllose Schüler das Geheimnis von der Entstehung und Überwindung des Leidens, neben einer hohen sittlichen Veredlung, und seine Lehre eroberte weitgedehnte Länder Asiens. Obschon sie zeitweise tief entartete und an Boden verlor, ja ihre alte Heimat einbüßte, schwang sie sich in neuester Zeit empor und sucht sogar in Europa und Amerika dem Christentum Wettbewerb zu machen.
Der Athener Sokrates (469-399 vor Chr.) verachtete allen Reichtum und alle Ehrenstellen, um als wandernder Lehrer das Volk und die Jugend über die Erfordernisse eines menschenwürdigen Lebens aufzuklären und besiegelte sein hohes Streben durch den Gifttod, dem ihn sein von Demagogen verblendetes Volk überlieferte. Durch seinen Schüler, den göttlichen Platon und dessen Schüler, den vielseitigen Aristoteles hat er auf Jahrtausende hinaus veredelnd gewirkt.
Für das heutige Europa und seine Kolonien sind diese Meister, so groß sie für ihre Zeit und ihre Völker waren, in den Schatten gestellt durch einen weit größeren, vor dem wir indessen seinen für unsern Bund eine besondere Bedeutung besitzenden Vorläufer nennen müssen.
Johannes der Täufer, der als Schutzheiliger der Steinmetzen von Südengland, wo die Freimaurerei entstand, unseren Logen ihren Namen gab, verzichtete, obschon von priesterlichem Geschlechte, auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, ähnlich wie Buddha und Sokrates, und lehrte (29-31 uns. Zeitrechn.), arm gekleidet und sich ärmlich nährend, in der Wüste am Jordan, wohin ihm das Volk zuströmte, taufend und auf einen Höheren hinweisend, bis er aus Wahrheitsliebe unter dem Henkerbeile verblutete.
Jener Höhere war Jesus von Nazareth, dessen unerreichte und unerreichbare sittliche Erhabenheit es uns überflüssig erscheinen lassen, diese Idealpersönlichkeit mit weiteren Worten zu besprechen oder sie gar gegen die Ketzer-, Hexen- und Judenmörder zu verteidigen, die das Andenken dieses einzigen Menschen durch ihre angebliche Anhängerschaft schändeten und deren Nachkommen ihn durch erheucheltes Plappern, hohlen Prunk und politische Umtriebe zu ehren sich einbilden.
Was sollen wir noch von weiteren verdienstvollen Männern sagen, die dem M. v. St. und allen Meistern, ja allen Brüdern zum Vorbilde dienen können, von Männern, die ihre Überzeugungstreue mit dem Feuertode besiegelten, den unwürdige und unwissende Anhänger des Urbildes der Milde und Güte über sie verhängten (wie Arnold von Brescia, Hus, Savonarola, Giordano Bruno und andere) oder unter Mühen und Leiden sich der Belehrung des Volkes widmeten (wie Comenius, der Vorläufer unseres Bundes) oder sich in Sturm und Kampf und teilweise Not als geistige Helden bewährten (wie Luther, Zwingli, Kepler, Spinoza, Rousseau) oder an der Spitze von Völkern für Freiheit kämpften (wie Wilhelm von Oranien, Franklin, Washington) oder gar auf dem Throne für Aufklärung und Menschenliebe glühten (wie Friedrich der Große und Josef II., denen wir noch unsere verewigten Brüder, die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. anreihen dürfen), oder in geistiger Arbeit Lehrer der Menschheit wurden (wie Milton, Newton, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die Brüder Humboldt, Helmholtz, Mommsen u. s. w.)? Die Weltgeschichte antwortet hierauf.
Der Meister-Katechismus fragt in Nummer 12: „Wodurch soll sich ein Meister von den Gesellen und Lehrlingen unterscheiden?“ und antwortet: „Durch die genaueste Erfüllung seiner Pflichten, wodurch er nicht nur die Liebe seiner Brr., sondern auch die Hochachtung der Welt sich erwirbt.“
Die Meister haben in einigen Lehrarten noch besondere Sinnbilder, die auf Sündhaftigkeit in Gefahren und auf Unerschütterlichkeit in der Überzeugung hindeuten, so z. B. ein Schiff ohne Mast und Segel, das sich aber trotzdem aufrecht erhält, einen Schlüssel von Elfenbein, der die Gerechtigkeit bedeuten soll, ein Denkmal, auf dem ein Buch liegt und das eine schwebende Jungfrau mit einem Akazienzweige schmückt, was auf die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge hinweist und durch das das Schicksal bedeutende Buch die Hoffnung auf Unsterblichkeit nährt. Auch die Gesellen und Lehrlinge sind berufen, Meister zu werden und das von diesen Gesagte zur Tat zu gestalten.