10. Die Gestirne.
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen, freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
a) Die Erde.
Die obigen Worte, die Br. Goethe seinen Faust zu Gretchen sagen läßt, drücken eine längst vergangene Weltanschauung aus, die aber heute noch, durch die Bibel aufrecht erhalten, den Grundzug der herrschenden Religionen bildet. Denn alle Dogmen, namentlich aber die der christlichen Bekenntnisse, beruhen auf der Ansicht, daß Gott den Planeten Erde vor allen übrigen Weltkörpern bevorzuge, ja man darf sagen, seinen Bewohnern beinahe allein seine Fürsorge widme. Nach dieser Auffassung, auf der allein das Dogma der Dreieinigkeit beruht, ist die Erde die Welt, was auch die noch heute vorwiegenden Ausdrücke „Weltteile“, „Weltbürgertum“ und „Weltgeschichte“ zeigen und wovon sogar der Name einer so modernen Einrichtung wie der des Weltpostvereins zeugt, der doch keine Sendungen nach anderen Weltkörpern übernimmt. Und das trotzdem, daß die Ansicht von der Stellung der Erde im Weltall so riesenhafte Umgestaltungen durchbracht hat, wie folgende Übersicht zeigt.
- Zeitraum, von Moses bis Ptolemäus (um 140 uns. Zeitrechn.): die den Alten bekannte Erde ist eine Scheibe (worauf sie ruhe ist unbekannt), die der Ocean umgibt und über der sich der Himmel wie eine Glasglocke wölbt, an dem die Sterne befestigt sind, während die 7 Planeten (Sonne Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn) sich um eine Erhöhung im Norden bewegen.
- Zeitraum, von Ptolemäus bis Kopernikus (geb. 1473 gest. 1543): die Erde ist eine Kugel (was indessen schon Pythagoras und die auf ihn folgenden griechischen Philosophen wußten), um welche die 7 Planeten und der ganze gestirnte Himmel sich im Kreise bewegen.
- Zeitraum, seit Kopernikus: die Erde ist ein Planet, der zwischen Venus und Mars, gleich den übrigen Planeten um die Sonne kreist, nur der Mond allein um die Erde. Ohne Einfluß auf die Erde ist die seit Kepler allmählich weitergehende Auffassung, daß unser Sonnensystem nicht im Mittelpunkte des Weltalls schwebt, sondern nur eines unter unzähligen ist; alle Sterne außer den Planeten und Kometen sind Sonnen, die ihre Planetensysteme haben können und sich fortwährend im Weltraume bewegen, in vorläufig noch unbekannten Bahnen.
So ist denn die alte Entgegensetzung von „Himmel und Erde“, auf der die Weltanschauung des ersten Kapitels der Bibel beruhte, längst aufgegeben. Die Erde ist nur noch ein Pünktchen im unendlichen Weltall, das auch als Himmel bezeichnet wird, und von dessen entferntesten bekannten Punkten sogar das blitzschnelle Licht, das in einer Sekunde dreihunderttausend Kilometer zurücklegt, vieler tausend Jahre bedarf, um auf der Erde sichtbar zu werden.
Und doch ist unsere liebe Erde im Vergleiche zu den auf ihr lebenden Geschöpfen ein ungeheurer Körper, dessen Umfang 5395 geogr. Meilen (zu 7420,4 Meter), dessen Durchmesser 12741 Kilometer, und dessen Oberfläche rund 510 Millionen Quadratkilometer beträgt.