In der Freimaurerei gilt die Loge als ein kleines Bild der Erde, auf das zu beiden Seiten des Altars Sonne und Mond freundlich leuchtend herabblicken. Die Heimat der Freimaurerei aber ist die gesamte Oberfläche der Erde, die alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse und des Standes wie eine Familie verbindet. An der Tafelloge wird aller Brüder auf der ganzen Oberfläche der Erde gedacht, und Fragestück 23 des Lehrlings-Katechismus sagt auch, die Loge reiche von der Oberfläche bis zum Mittelpunkte der Erde.
Auf den beiden Säulen der Abendseite ruhen als Knäufe in vielen, besonders englischen Logen auf der einen ein Himmels- und auf der andern ein Erdglobus, oder sie werden wenigstens so benannt, um die Brüder beständig an die weltbürgerliche Eigenschaft des Bundes zu mahnen.
Bildet der Freimaurer-Bund auch keine einheitliche Gesellschaft, hat er auch keine gemeinsame Behörde, wissen auch vielfach oder meistens die Brüder eines Landes nichts von den freimaurerischen Einrichtungen entfernter Gegenden, ja anerkennen sogar manche Bundesbehörden andere solche gar nicht, so besteht doch über die ganze Erde eine Gemeinschaft der Brüder durch die Erkennungszeichen, sowie durch gemeinsame brüderliche Gesinnung und durch freundliche Aufnahme fremder und reisender Brr., die sich als rechtmäßige Logenmitglieder ausweisen. Und so wird es auch bleiben!
Die Erde kann als Sinnbild gelten: der Schönheit, die wir nur auf ihr kennen, der (oben [S. 71] abgegrenzten) Vergangenheit, die außer ihr von keinem andern Weltkörper näheres wußte, und des Lehrlings, der erst zum Lichte zugelassen ist, ohne es noch recht erfaßt zu haben. Lehrlinge waren aber in den älteren Zeiten die gescheitesten Leute in ihrem Wissen noch immer.
b) Der Mond.
Wenn wir einfach vom kleinern und abhängigern zum größern und unabhängigen Gestirn vorschreiten wollten, müßten wir eigentlich den Mond voransetzen und ihm die Erde, wie dieser die Sonne folgen lassen. Da uns jedoch die Erde am nächsten liegt und diese für uns lichtlos ist, der Mond aber sowohl beleuchtet wird, als infolge dessen selbst leuchtet, mußte zwischen ihm und der Erde die richtigere Reihenfolge vertauscht werden. Für Bewohner des Mondes würde die Erde die Stelle einnehmen, die er bei uns einnimmt; nur erscheint sie dort weit größer.
Der Mond unserer Erde, vorzugsweise so genannt, obschon auch andere Planeten Monde (Trabanten oder Satelliten), aber meist kleinere besitzen, ist von der Erde, seiner Mutter, 60,27 Erdhalbmesser entfernt und umkreist sie in 27,32 Tagen. Da er dieses tut, während die Erde sich weiter um die Sonne bewegt, so beschreibt er seine Bahn in Spirallinien. Sein Durchmesser ist so groß wie die Länge und zugleich wie die Breite Europas und gleich drei Elfteln desjenigen der Erde. Steht der Mond zwischen Erde und Sonne, so ist er für uns unsichtbar, es ist Neumond; sind Erde und Sonne auf derselben Seite des Mondes, so ist er für uns vollbeleuchtet (Vollmond). Die Zwischenerscheinungen heißen: im Zunehmen der Lichtfläche erstes und im Abnehmen letztes Viertel. Diese Unbeständigkeit seines Anblicks lehrt uns, sein Licht besser zu schätzen, wenn es wieder erscheint, nachdem es uns ganz fehlte oder uns nur teilweise erfreute. Es ist ein Wechselspiel, dessen Mannigfaltigkeit einst die Grundlage der menschlichen Zeitrechnung bildete, die sich aber bei uns längst nach der Sonne richtet (nur die Mohammedaner hängen am Mondjahr, dessen Anfang in etwa 33 Jahren durch alle Jahreszeiten wandert). Der Mondwechsel ist daher für uns sehr belehrend und übt auch seinen Einfluß, wie auf die Ebbe und Flut unserer Meere, so auf Dichten und Trachten der Menschen. Namentlich in der Dichtkunst spielt er eine große Rolle.
Der Mond ist seit mehr als Menschengedenken ein erstarrter Körper, was er einst nicht war. Er besitzt weder eine merkliche Atmosphäre, noch Wasser und daher auch keinen Pflanzenwuchs und beherbergt überhaupt kein lebendes Wesen. Infolge dieser Erstarrung kehrt er, weil er sich während seines Umlaufs nur einmal um seine Achse dreht, was früher nicht der Fall war (denn er drehte sich einst viel schneller um), was aber hier zu erklären nicht der Ort ist, der Erde stets dieselbe Seite zu, während die andere für uns ewig unsichtbar sein wird. Obschon dies nicht beabsichtigt ist, können wir darin ein Sinnbild der Treue gegen seine Mutter, die Erde, erblicken, wie in der unsichtbaren Seite ein solches des Geheimnisses und der Verschwiegenheit. In ungezählten Millionen Jahren wird, so hat man berechnet, die Erde dasselbe Schicksal erleiden; die Erstarrung des Mondes belehrt uns also auch über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Da der Mond 13-14 Tage Nacht hat, ist er auch in dieser Zeit ein ungemein kalter und bei dem ebenso langen Tage ein sehr heißer Körper, dessen Temperatur um 280 Grad schwankt, der uns daher die gleichmäßigen Wärmen der Erde um so kostbarer erscheinen läßt.
Für die Freimaurerei ist das milde Licht des Mondes ein wohltätiger Gegensatz zu dem verzehrenden und blendenden Lichte der Sonne.
Unter den Idealtugenden entspricht, wie der Erde die Schönheit, dem Monde die Stärke; denn die „Stärke des Maurers vollbringt, gleich der des Mondes, in nächtlicher geheimnisvoller Stille ihre segensvollen Werke; in stiller, geräuschloser Wirksamkeit findet die Freimaurerei ihre Freude und ihren Lohn.“ Unter den Graden ähnelt dem Monde der Geselle, der das geistige Licht vom Meister erhält und dem Lehrling weiter reicht. Unsere Gegenwart gleicht dem Monde, weil die ungeheuere Mehrheit der Menschen noch blind ist für Kunst und Wissenschaft, daher kein Licht zu geben weiß und das der Sonne, d. h. des höheren Wissens, noch nicht versteht, was bisher nur einer geringen Minderheit erleuchteter Geister verliehen ist, so daß die Meisten noch Gesellen sind, ja auch viele, die sich schon Meister wähnen.