Goethe, Faust II.

a) Die künstlerische Arbeit.

Die Freimaurerei ist an sich schon eine Kunst, wenn auch keine solche, deren Äußerungen in Museen aufbewahrt oder der Öffentlichkeit auf Bühnen dargeboten werden könnten, weil sie nicht ohne das Leben in ihren Kreisen zu verstehen sein würden. Sie läßt sich also nicht in das System der schönen Künste einreihen, sondern bildet ein System für sich, das sich aber bescheiden in seine engsten Kreise zurückzieht. Sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer größte Feindin, der römischen Kirche, deren Übungen ebenfalls künstlerisch sind, ohne festgelegt werden zu können, aber der Öffentlichkeit hingegeben werden, weil sie eben nicht ohne diese den von ihr angestrebten Einfluß aufrecht erhalten könnte. Diesen Einfluß aber verschmäht die Freimaurerei und findet in sich selbst ihr Genügen.

Die künstlerischen Darbietungen der Freimaurerei, allerdings nur für die Brüder bestimmt, haben durchaus einen nach Verwirklichung der Idee des Schönen strebenden Charakter. Ihr Organ sind die feierlichen Versammlungen der Brüder oder die verschiedenen Gattungen von Logen, wie nicht nur die Versammlungsorte und die Brüdervereine, sondern auch deren Versammlungen selbst genannt werden. Sie bewegen sich in reicher Mannigfaltigkeit von den heitersten bis zu den ernstesten Anlässen.

Es ist ungewiß, ob die ersteren, die Tafellogen zum Vorbilde die Agapen oder Liebesmahle der ersten Christen haben. Da ihnen jedoch aller Bezug auf eine bestimmte Glaubensrichtung fehlt, geht ihr Ursprung wohl nicht über die Festmahle unserer Vorgänger, der Steinmetzen und Bauleute zurück. Eher mögen sich bei ihnen durch die dem Bunde beitretenden Gelehrten Anklänge an antike Symposien der bessern Art, bei denen ernste Gespräche nicht fehlten, eingefunden haben. Durch Adelige und Offiziere, die den Logen beitraten, bürgerten sich bei den Tafellogen die zur Freimaurerei nicht passenden, weil deren friedlichem Charakter widerstreitenden kriegerischen Formen und Ausdrücke der Toaste oder Tafelreden ein, von denen, wie zu hoffen ist, sich meist nur noch die Bezeichnung „Feuer“ für ein Lebehoch erhalten haben möchte, die mit Bezug auf geistiges Feuer berechtigt erscheint. Die Tafellogen werden nicht in der dunkeln Loge, sondern im hellen Festsaale abgehalten, und es wird stets darauf gesehen, daß bei ihnen strenges Maß eingehalten wird. Immerhin sind sie ein Ausdruck reiner Freude über das zwanglose brüderliche Beisammensein. Anlaß zu ihnen bieten meist die maurerischen Feste, das Sommerjohannis-, und wo beide Johannes gefeiert werden, auch das Winterjohannisfest, ferner die Jahresfeste der Logengründung, Jubelfeste verdienter Brüder, und namentlich die mit den weiblichen Angehörigen begangenen Schwesternfeste, bei denen die Feier der Liebe, Treue und Anmut zu ihrem gerechten Anspruche kommt.

Ernsterer Natur sind die eigentlichen Arbeitslogen im künstlich erleuchteten Logensaale. Sie dienen, außer den Festanlässen, zu denen die Tafellogen den Abschluß bilden, den Aufnahmen, Beförderungen und wichtigeren Logenangelegenheiten. Ihr Hergang hat für empfängliche Gemüter etwas ungemein Fesselndes und Ergreifendes, so am Anfange der Arbeit, der Hochmittag genannt wird, das Anzünden der Lichter durch die Beamten mit kernhaften Sprüchen, und das kirchlichen Formen nicht nachgedachte Gebet des M. v. St. zum A. B. a. W., und am Ende, das Hochmitternacht heißt, die feierliche Entlassung der Brüder mit herzlichen Wünschen und das ernst stimmende Auslöschen der Lichter. Bei Aufnahmen und Beförderungen dagegen ist der ganze Hergang malerisch und dramatisch gestaltet.

Der ernsteste Anlaß, ja ein erschütternder, zu freimaurerischer Arbeit ist aber die Trauerloge, die dem Andenken an die hingeschiedenen Brüder gilt. Schauberg vergleicht diese Feierlichkeit nach seiner phantasievollen Art mit dem ägyptischen Totengerichte. „Wie hier“, sagt er, „beginnt die Trauerloge mit einer Art Gericht über den Verstorbenen, und erst, nachdem dieser der Ehre einer Trauerloge für würdig erklärt worden, folgt die eigentliche Totenfeier, die in 3 Hauptteile geteilt werden dürfte, nämlich die Trauerrede oder die kurze Schilderung des bürgerlichen und maurerischen Lebens des Dahingeschiedenen, — das Anzünden der Lampe vor dem symbolischen Sarkophage des Verewigten, und dessen Schmücken mit Blumen durch alle anwesenden Brüder in 3 Zügen und Umgängen, worauf die ganze Feierlichkeit mit der Bildung der Bruderkette und der Erteilung des Bruderkusses schließt.“ In England und Amerika wird außerdem noch die öffentliche Bestattung mit maurerischen Gebräuchen und Abzeichen abgehalten.

Eine Beurteilung des Toten bei der Totenfeier ist etwas völlig Selbstverständliches und auch außerhalb der Loge allgemein üblich, und es braucht daher ihr Ursprung nicht aus Ägypten hergeleitet zu werden, wo übrigens das Totengericht lediglich ein jenseitiges war, unter dem Vorsitze des Gottes Osiris über 42 Totenrichtern (wegen der 42 Todsünden nach ägyptischer Anschauung). Es konnte daher eher das christliche Weltgericht aus dem Totengerichte in Ägypten hergeleitet werden, als die Trauerloge, die ebenso lediglich eine ethische Vertiefung und Veredlung der allgemeinen Trauerfeierlichkeiten ist, wie die Tafelloge eine solche anderer Bankette und die Verhandlungsloge eine solche anderer Vereinssitzungen.

Übrigens werden die Trauerlogen, deren erste bekannte erst 1757 in Hamburg gefeiert wurde, meistens nicht für einzelne Brüder, sondern z. B. jährlich für die im Laufe des Jahres verstorbenen Brüder gemeinsam gefeiert, oder auch, wenn kein solcher Fall vorliegt, am Allerseelentage oder einem andern für die hingeschiedenen Brüder überhaupt. Natürlich ist die Trauerloge schwarz ausgeschlagen. Ein herrliches Muster einer Trauerlogenrede ist die 1813 gehaltene Br. Goethes zum Andenken Br. Wielands.

Zum Schmucke aller freimaurerischen Versammlungen wird deren ohnehin künstlerischer Eindruck durch die geistigsten und ergreifendsten aller Künste, durch das Schwesternpaar der Poesie und Musik, erhöht. Dichtungen und Tonwerke begleiten den Maurer von der (maurerischen) Wiege bis zum Grabe, in heiteren, ernsten und ernstesten Darbietungen. In ihrer Verbindung, dem maurerischen Liede, findet die Loge ihre erhebendsten Stunden, zu deren Verschönerung Brüder wie Goethe, Herder, Mozart und viele andere beigetragen haben und auch nicht maurerische Größen dieser Künste ihren Zoll entrichtet haben. Schiller war nicht Freimaurer; aber sein „Lied an die Freude“ ist ein echt maurerisches. Beethoven war es auch nicht; aber seine Symphonien werden maurerisch empfunden. Die Loge duldet keine andere als eine reine und erhebende Dicht- und Tonkunst; alles Gewöhnliche, Platte und Ausgelassene ist von ihr ausgeschlossen. Fast alle Logen haben ihre Liederbücher und halten die beiden alles Leben verschönernden und erhebenden Künste in hohen Ehren. Auch haben alle Logen ihre musikalischen Brüder, die nach Kräften hierzu beitragen, durch Gesang wie durch Instrumentalmusik, oft auch einen besondern Musikdirektor.