[203] schalt
Rudolf Presber:
Die vierundsiebzigste Nacht.
Rudolf Presber ist am 4. Juli 1868 in Frankfurt a. M. geboren und lebt heute in Berlin-Grunewald. Wie sein großer Landsmann Goethe entstammt er einem literarisch gebildeten Hause. Früh waren beide als Dichter tätig, auch sind sie lebenslang Verehrer des schönen Geschlechtes gewesen. Aber darin ist der liebenswürdige Rudolf Presber doch himmelweit verschieden von seinem großen Landsmann, daß 90 Prozent seiner Werke humoristisch sind. Zweifellos besitzt er ein starkes Formtalent. Die fröhlichen Kinder seiner Muse danken ihren großen Erfolg dem flotten, frischen Erzählungston, der warmherzigen Gesinnung und nicht zum wenigsten jenem goldenen Humor, der ihm „Lebensäußerung und nicht Geschäft ist“, wie es in einer seiner Novellen heißt. Manches feine, kluge Wort ist ihm in Vers und Prosa gelungen.
Im Mittelpunkte seiner Novellen steht oft ein wunderlicher Kauz, vom Schicksal arg zerzaust, vom Dichter mit Liebe und Nachsicht behandelt. Eine solche Figur ist auch der unbekannte „berühmte“ Dichter unserer Novelle. Mit feinsinniger Satire geißelt er die Durchschnittsverehrung deutscher Dichter im sinnigen Stil unserer Zeit und verfolgt damit Gedanken und Ziele, wie sie der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung besonders nahe liegen. Das Studentische ist mit Behagen und leichter Ironie dargestellt. Fast möchte man annehmen, daß ein persönliches Erlebnis des Dichters dahintersteht. Und köstlich wird das Ganze umrahmt von dem Gedanken aus der 74ten Nacht im orientalischen Märchen.
M. G.
Die vierundsiebzigste Nacht.