Der fünfte Kalif aus dem ruhmreichen Geschlechte der Abassiden war Mehdis kluger Sohn Harun al Raschid.
Im Morgenland wissen sie noch viel von ihm zu berichten. Alle erzählen von ihm, von dem simplen[204] Kameltreiber bis hinauf zum Statthalter, der im Namen des Schattens Gottes Recht spricht.
Aber auch im Abendlande, das er selbst nie gesehen, nur mit Gesandschaften beglückt hat, kennt man ihn. Nicht als mächtiger Herr von Bagdad, nicht als gewaltiger Kriegsheld, der dem byzantinischen Kaiser den Tribut[205] abtrotzte, nicht als Freund Karls des Großen wäre sein Bild auf unsere Tage gekommen, wenn nicht jene schönen arabischen Erzählungen so gern von ihm handelten, jene wunderbare Sammlung von Märchen voll Geist, Witz und Farbenpracht, die unter dem Namen „Tausend und eine Nacht“ bekannt ist.
In den seltsamen Geschichten, die die liebliche Sultanin Schehersad dem grausamen Sultan Scheherban erzählt, die Mordlust des Tyrannen einzuschläfern, kehrt sie immer wieder, die sympathische[206] Gestalt des großen Kalifen, der so gerecht wie klug war. Typisch[207] für die Art, wie sich die braunen Wüstensöhne unter den schattenden Palmen der Oase bei Datteln und Hirsebrot gern das Bild ihres größten Fürsten heraufbeschwören, ist Schehersads Erzählung in der vierundsiebzigsten Nacht, in der das wunderliche Märchen von den drei Äpfeln und der zerstückelten Frau beginnt.
„Man behauptet, o König der Zeit und Herr der Äonen“[208], so fängt Schehersad in jener Nacht ihre Geschichte an — „der Kalif Harun al Raschid habe in der Nacht einmal seinen Wesir Djafar rufen lassen und ihm gesagt: Wir wollen miteinander in die Stadt gehen und hören, was es in der Welt Neues gibt. Wir wollen die Leute über die Urteile der Richter ausfragen und den absetzen, über welchen man sich beklagt, und den belohnen, den man lobt....“
— — — Mir fällt dabei nur eine kleine Geschichte ein, die einige Ähnlichkeit hat mit manchem Abenteuer des großen Kalifen Harun al Raschid, der unerkannt als geringer Mann verkleidet durch die Straßen von Bagdad ging und lauschte und erfuhr, was das Volk über ihn dachte.
Und wenn ich so lächelnd an jenes seltsame Begebnis zurückdenke, dann will’s mir vorkommen, als ob jeder von uns, wenn er nur lange genug atmet, seine vierundsiebzigste Nacht erleben könnte.
Man muß das für keine Absurdität[209] halten, was ich da sage. Ich weiß sehr wohl, daß — schlicht arithmetisch[210] genommen — die „vierundsiebzigste Nacht“ den Menschen noch als Säugling trifft, der mehr oder minder rasch und reinlich seine Milch verdaut und für die Geschehnisse der Außenwelt stumpf, blöd und ohne Teilnahme ist; obschon die Mutter — aber auch nur die Mutter — bereits ein gewinnendes, verständnisinniges Lächeln zuweilen bei ihm bemerken will. Ich fasse also die vierundsiebzigste Nacht — das sei allen Wortreitern und Silbenstechern angemerkt — im übertragenen Sinne, im Geist des Märchens vom Kalifen Harun al Raschid...
Es werden jetzt bald zehn Jahre, da stand ich an einem beträchtlich kalten Novemberabend auf dem Perron[211] des Bahnhofs meiner süddeutschen Vaterstadt und wartete auf den würdigen Hans Eduard Meßmann, wartete auf ihn mit dem ganzen freudigen Enthusiasmus[212], den meine Jugend und zwei Glas eben in der Restauration genossenen Grogs mir verliehen.