Die Béarnaise.

Es kommt wohl vor, daß eine Laune wie eine Witterung auf Dörfer, Städte, Landschaften und ganze Völker fällt; so daß, wo gestern alles noch im Gang der Tage, in Pflicht und schuldigem Respekt die Arbeit tat, auf einmal eine Spottsucht ausbricht, die keinen ohne Schaden an seiner Würde vorüber läßt. So muß es damals in Saargemünd gewesen sein, als Ludwig Philipp, dem dicken Bürgerkönig, sein Mißgeschick begegnete, davon ihn das Gelächter noch begleitete, als er in einer Mietskutsche das undankbare Frankreich verlassen mußte. Der Anlaß freilich war seine Sparsamkeit und daß ihn die ins Durcheinander mit einem Zirkus brachte, der sich vor der gleichen Spottsucht am Tage vorher aus Saargemünd nach Hundlingen gerettet hatte.

Wenn dunkle Nacht in den Gassen und auf den felsigen Waldbergen lag, wenn die qualmenden Öllampen ihr rotes Licht auf einen dichtgedrängten Ring der Zuschauer warfen, wenn die Messingstangen magisch leuchteten und die Stricke dick und flockig schienen in dem Licht, wenn die beleibte Medenella mit den Resten ihrer Reitkunst die edlen Pferde geängstigt hatte und ihr Sohn Camillo auf dem Kopf stehend über ein straff gespanntes Seil gerutscht war, höllisches Feuer dazu speiend, wenn in den Händen seiner Geschwister Blechteller begehrlich rasselten und die Drehorgel wehmütig quarrte: dann hatte nicht wie sonst der Beifall sich in Sousstücke aufgelöst. Und wenn endlich Jean Mourier, der Zirkusvater, sein Meisterstück mit den fünf edlen Pferden machte, die er mit nichts als einem grünen Stein behexte: dann hatten sie sein heiseres Kauderwelsch belacht wie einen albernen Spaß. Obwohl es so viel Zuschauern vordem jahrein jahraus ein Stück zum Staunen gewesen war, wie er gespenstisch auf der grünbehangenen Tonne inmitten stand und die fünf edlen Pferde zum Takt der Béarnaise[238] im Kreis herum stolzieren ließ: Nello voran, den sieghaften Schimmel, der seine Schenkel wie die Königin von Saba mit edlen Schritten hob. Bis plötzlich da, wo die drei schweren Baßtöne das Finale einleiteten, der Mourier den Stein hoch hob, den grünen Stein aus Malachit mit eingeschnittenen Schlangenköpfen, und die Verwandlung eintrat:

Nello, der so stolz geschritten war, fing an zu hinken und schleppte die Füße kaum noch fort, die schwarze Sylva drehte sich im Walzer mit ihren dicken langbehaarten Beinen, Mariette, der wie ein Kalb gefleckte Pony, ging als ein Grislybär wild in die Hinterbeine, die braune Lisette fing an zu scharren wie ein Schatzgräber, und Pierre, der hochbeinige Goldfuchs, dessen Schönheit den Schimmel Nello fast überstrahlte, brach in die Kniee, wie wenn ihm irgendwer mit einem Messer hindurchgeschnitten hätte. So mußten sie in einer traurigen Gruppe bleiben, die erst so edel im Kreis gelaufen waren, bis die drei gellenden Läufe der Musik den Schlußakkord erreichten und Mourier den Stein in seinem grünen, glasperlenbesetzten Talar verschwinden ließ.

Das war der große Schluß des Abends, und niemals hatte der Mourier danach vergebens mit dem Blechteller gerasselt; bis er in Saargemünd so übel anlief und sich vor der Seuche böser Spottlust seitwärts in die Berge und zu den Bauern schlug.

Nach einer schlimmen Fahrt auf regenweichen Wegen war er nach Hundlingen hinaufgekommen von Saargemünd und hatte rasch das Dorf um seinen grünen Wagen und die Schabracken seiner edlen Pferde versammelt. Hier stand die Sonntagssonne wieder hell am Himmel, hier gab es keine Lacher, mißtrauisch gemacht durch dreiste Zweifel, hier waren die Sousstücke besonders dick, weil man die blankgescheuerten nicht kannte.

Um vier Uhr fing er mit seinem Umzug an. Voran zu Fuß mit schmetternden Trompetentönen Camillo im feuerroten Trikot, hinter ihm mit dicken Beinen die schwarzbehaarte Sylva, zwei weitere Kinder Medenellas auf dem Rücken mit goldpapierenen Engelflügeln, dann das gefleckte Kälbchen Mariette mit der Trapezkünstlerin Camilla, hierauf Lisette, die braune, mühsamer schreitend unter dem Wust von Rosatüll, in dem die Zirkusmutter schwitzte, dann endlich Nello, der sieghafte Schimmel, Nello mit ihm selber, dem Hexenmeister Mourier, der mit gespreizten Fingern den grünen Stein hochhielt; zuletzt Pierre mit einem Affen in großer Uniform als General.