Die sinkende Herbstsonne übergoß den bunten Plunder mit einem gütigen Schmelz, rot und schwitzend folgten die Hundlinger den schmetternden Klängen und drängten fast die Dorfstraße auseinander: da scholl ein Peitschenschlag und das Getrapp von müden Pferden. Um die Waldecke — man sah am dicken Kirchturm vorbei den Weg hinauf — kamen Reiter in Uniform, vor zwei Kutschwagen her. Die reichlich überraschten Bauern drängten rückwärts gaffend den Festzug gegen den Brunnen, daß er nicht weiter konnte; so dicht gestaut, daß auch die Reiter halten mußten. Die Wagen fuhren gleichfalls auf, und während noch der Mourier verachtungsvoll von seinem Schimmel nach den abgetriebenen Postpferden der Ankömmlinge sah, öffnete sich im vordersten Wagen auch schon ein Fenster. Ein dickes freundliches Gesicht sah auf den Festzug und die fünf edlen Pferde und winkte nach den Reitern. Die ritten eilfertig hinzu und spähten gehorsam nach den Pferden, an denen die dicke Hand etwas zu zeigen schien: auf die gutgepflegten Pferde des Mourier, die nirgendwo saftigeres Futter gefunden hatten als an den Wegen hier. Wenn das nun ein Präfekt[239] war? Oder ein Gouverneur?[240]

Doch war es noch viel schlimmer. Es waren zwei Generäle und zwei Minister, mit einem dicken König, der es liebte, so bürgerlich zu reisen. Heute abend wollte er in Saargemünd einreiten und brauchte dafür Pferde, die gutgenährt und frischer als die seinen waren. So traf er mitten in dieser Ländlichkeit, wo nur mit Ochsen oder Kühen gepflügt und gefahren wurde, den Mourier mit den fünf edlen Tieren und fiel mit königlichem Vorrecht darüber her. In fünf Minuten hatten die Zirkusleute einen Schwall von Flüchen und königlichen Befehlen über sich ergehen lassen müssen, der Mourier und seine Medenella, Camilla und die beiden Goldengel waren mit allem Plunder aus den Sätteln entfernt, selbst Joko, der Affe, hatte seinen Goldfuchs einem andern General herleihen müssen. Aneinander gekoppelt wie zum Handel trappten die edlen Pferde hinter den königlichen Wagen her, den Weg hinab nach Saargemünd.

Oben auf dem Kirchplatz blieben die Verlassenen zurück inmitten einer nun auch von der Spottsucht angegriffenen Menge. Medenella mußte sich mit ihrem schönen Tüll auf den nassen Brunnentrog setzen, die beiden Engel rafften mit allen Fingern ihre goldgenähten Gewänder hoch, die rothaarige Camilla aber ließ trotzig ihre kostbaren Säume durch den klebrigen Schmutz schleifen, Camillo hielt seine Trompete in der Hand wie einen streitgerechten Morgenstern; Joko der Affe hockte neben seiner Herrin auf dem Brunnentrog und ließ die blauen Schöße seiner Uniform betrübt ins Wasser hängen: Alle aber sahen mit bösem Blick hinunter, wo die stolzen Hälse ihrer Pferde auf und nieder ruckten im schnellen Trab, bis sie verschwanden hinter herbstlichen Bäumen.

Jean Mourier saß auf dem Bock des zweiten Wagens, bis an die schwarzen Felsen der Tournette. Da hatte der Weg das Wiesental der Saar erreicht und ging nun durch die Ebene im langen Bogen um die Felsen herum nach Saargemünd. Die rote Sonne hing tief in den Bäumen, als sie da waren. Die Reiter sprangen ab, die Wagen hielten und rasch begann ein Schauspiel, das dem Mourier als Zirkuskünstler seltsam bekannt war: Aus dem vordersten Wagen kletterte der König mit zwei braunen Männern, von denen der eine lang, der andere kurz und sehnig war. Aus dem zweiten stiegen umständlicher ein Bürger mit Gichtbeinen und ein Männchen mit einer großen Hornbrille aus. Die stellten kollegialisch[241] eine Gruppe mit dem König, gähnten, schüttelten sich und reckten die gelähmten Glieder. Dann zeigten sie hinunter nach den ersten Häusern von Saargemünd, lachten und fingen an, auf offener Straße die bürgerlichen Mäntel auszuziehen. Die Kutscher mit den Reitern schleppten aus dem Wagen Röcke, Federhüte und Schärpen aller Art heran. Aus dem Dürren und dem kleinen Sehnigen wurden vor den Augen Mouriers Marschälle in großer Uniform, das Männchen und der Bürger mit den Gichtfüßen bekamen goldene Ordensketten umgehängt und Federhüte auf den Kopf. Der dicke König selber war kaum zu sehen vor lauter Gold und Orden.

Die Pferde wurden gleichfalls geschmückt mit Federbüschen und schuppigen Zügelketten. Bald ließ der König sich als erster in den Sattel heben; er plumpste auf den sieghaften Schimmel Nello, daß der Mourier an seine Medenella dachte. Der kleine Marschall bestieg den Goldfuchs und der große die schwarze Sylva. Der Minister mit den Gichtfüßen wurde auf die braune Lisette gesetzt und das ängstliche Männchen mit der Brille auf den gefleckten Pony Mariette. Die beiden Reiter — auch sie hatten langwehende Büsche auf den Kopf bekommen — ritten vorauf, zum Schluß folgte der eine Kutscher mit dem kräftigsten der Postpferde, der andere sollte zur Bewachung der Wagen bleiben.

Als dem Jean Mourier die Pferde so feierlich hinunter schritten, von denen er nicht wußte, wann er sie wiedersah, blieb er nicht mehr zurück. Er raffte den Talar und lief den Grashang zu den schwarzen Felsen hinauf. Wo nur ein Splitter vorstand, fand seine Hand den Griff. Der lange Kutscher spektakelte ihm nach und fiel in einen Brombeerstrauch. Er spuckte ihn von oben an und halfterte sich weiter, bis er vom Grat hinunter sah auf Saargemünd, auf die Dächer und den Marktplatz mit dem verkropften Amtshausturm. Er hörte Böller schießen und sah den König an der Brücke, wie er auf seinem Schimmel Nello mit dem Gefolge feierlich einritt. Der Mourier merkte, daß er noch immer barhäuptig im Talar mit Glasperlen war, dazu mit rotgefärbtem Haar, doch sprang er Stein für Stein und tückisch lächelnd, bis er mit wilden Sätzen hinunter an die Saar kam, an einer flauen Stelle hindurch und über eine Mauer in einen Obstgarten, zwischen Buchsbaumhecken her in eine krumme Gasse, wo schon die Fahnen wehten und Menschen standen, durch sie hindurch und über eine Treppe auf den Marktplatz, wo das Getümmel anfing.

Am alten Amtsgebäude standen die Musikanten bereit zum Blasen, und unten zupften die Amtsherren ihre Kragen zurecht. Doch kicherte die Spottsucht vor dem König her und hing sich dem Gefolge mit Gelächter an. Die Saargemünder hatten das gefleckte Kälbchen Mariette und danach auch die anderen Pferde vom Mourier erkannt. So ritt der König erregt und unruhig statt feierlich heran. Nur die Ratsherren merkten nichts; sie gingen ihm entgegen mit entblößten Häuptern und brachten ihm auf rotem Samtkissen die Schlüssel ihrer Stadt — obwohl er längst darin war — und den Ehrentrunk in einem silbernen Hahn.

Schon setzten die Musikanten ihre Hörner und Klarinetten an, als der Mourier mit großen Sätzen an die Treppe sprang: