Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich ”konservativ bis in die Knochen“ zu nennen.

Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen der beiden Herren.

Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band, über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt. Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen.

”Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos verdorben!“ pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und: ”Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung, die ein politischer Debattierklub ist — daraus wird immer bloß Jakobinertum“.

Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen, sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: ”Daß ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit, Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert, als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die Karikatur des deutschen Studenten, von dem wir sangen: Frei ist der Bursch!“ —

Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: ”Schade um den guten Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter (oder Korpsstudent)!“

Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür.

Ich springe mal nicht ein, Karl,“ erklärte Franz, und Karl pflichtete bei:

”Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.“

Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen, dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke hingaben.