Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.

Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut, das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.

Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!

Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!

Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene ”honorig“ dachte, was ja durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien.…

Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.

Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten. Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat.…

Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der C., für den Fall, daß jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn, Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht ”ziehen“, weil durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.

Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein nächster Gedanke dem Freund: ’Was wird Franz zu dieser heillosen Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das kann ich nicht vor ihm geheimhalten!‘

Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, stud. med. …