Von Otto Julius Bierbaum sind u. a. früher erschienen:
Romane.
Pankrazius Graunzer. 6. Aufl.
Stilpe. 5. Aufl.
Die Schlangendame. 4. Aufl.
Das schöne Mädchen von Pao. 3. Aufl.
Novellen.
Studentenbeichten. I. Reihe. 5. Aufl.
Studentenbeichten. II. Reihe. 4. Aufl.
Kaktus und andere Künstlergeschichten. 2. Aufl.
Annemargreth und die drei Junggesellen. 2. Aufl.
Die Haare der heiligen Frigilla. 1.–3. Tausend.
Gedichte.
Irrgarten der Liebe. 26.–31. Tausend.
Das seidene Buch. 2. Aufl.
Dramatisches.
Lobetanz.
Gugeline.
Pan im Busch.
Stella und Antonie.
Zwei Münchner Faschingsspiele.
Die vernarrte Prinzeß.
Sonstiges.
Eine empfindsame Reise im Automobil.
Franz Stuck.
Hans Thoma.

Hans von Kahlenberg

NixchenEin Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter.
50.–60. Tausend. M. 1.50, geb. M. 2.50.

Dieses Buch ist in Deutschland verboten.

Der Tag“: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren. Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle ”Nixchen“.

Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; ”Beamter vom alten Schlag, — Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.“ Sie wohnen im Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt. Sie gibt ihm.... tout, excepte ça (wie die Formel in Frankreich heißt). Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist ”die Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen“. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den Demi-Vierges des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze — vielleicht nichts zum Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse Ehrlichkeit drin, — neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel; gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja. Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie — schon vorher gelesen — nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten, auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die schon unsere gottverdammten Väter gehabt, — da sie unsere Väter geworden sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird Norddeutschlands oberste Klasse, die vor ”Nixchen“ geschützt werden sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, — als welche nicht die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen Oberstleutnants.
Alfred Kerr.