Und wenn ich so lächelnd an jenes seltsame Begebnis zurückdenke, dann will’s mir vorkommen, als ob jeder von uns, wenn er nur lange genug atmet, seine vierundsiebzigste Nacht erleben könnte.

Man muß das für keine Absurdität[209] halten, was ich da sage. Ich weiß sehr wohl, daß — schlicht arithmetisch[210] genommen — die „vierundsiebzigste Nacht“ den Menschen noch als Säugling trifft, der mehr oder minder rasch und reinlich seine Milch verdaut und für die Geschehnisse der Außenwelt stumpf, blöd und ohne Teilnahme ist; obschon die Mutter — aber auch nur die Mutter — bereits ein gewinnendes, verständnisinniges Lächeln zuweilen bei ihm bemerken will. Ich fasse also die vierundsiebzigste Nacht — das sei allen Wortreitern und Silbenstechern angemerkt — im übertragenen Sinne, im Geist des Märchens vom Kalifen Harun al Raschid...

Es werden jetzt bald zehn Jahre, da stand ich an einem beträchtlich kalten Novemberabend auf dem Perron[211] des Bahnhofs meiner süddeutschen Vater stadt und wartete auf den würdigen Hans Eduard Meßmann, wartete auf ihn mit dem ganzen freudigen Enthusiasmus[212], den meine Jugend und zwei Glas eben in der Restauration genossenen Grogs mir verliehen.

Hans Eduard Meßmann stand damals — so sagten die Zeitungen — auf der Höhe seines Ruhmes.

Er selbst sah die Sache anders an. Er wußte, daß sich bald vier arbeitsreiche Jahrzehnte sein liebes Vaterland und dessen gebildetes Publikum, für das er seine formvollendeten Epen und seine gedankenreiche Lyrik geschaffen, herzlich wenig um ihn bekümmert hatte. Besonders kluge und belesene Leute hatten ihn „stets geschätzt“. Er hatte glühende Verehrer, aber sie glühten im stillen. Die Buchhändler bliesen den Staub von den Bücherreihen auf den höchsten Regalen unter der Decke, wenn man nach ihm fragte. Die Inhaber von Leihbibliotheken zuckten bedauernd die Achseln: „Wird zu wenig gefragt.“ Und Professoren der neueren Literaturgeschichte schrieben seinen Namen nicht immer richtig, wenn sie ihn zu irgend einer Denkmalsspende oder einem patriotischen Aufruf heranziehen wollten.

Da kam sein siebzigster Geburtstag.

Wer es war, der Jahreszahl und Datum richtig entdeckte, bleibt dahingestellt. Jedenfalls es stimmte, Hans Eduard Meßmann wurde in jenem November siebzig Jahre alt.

Es bildete sich rasch ein Komitee[213].

Das ist das Schöne und Zuversichtliche bei uns Deutschen: man kann nicht immer wissen, was sich etwa sonst noch in der Zukunft bilden wird. Aber eins ist sicher: Komitees werden sich bilden. Mit einem ersten Vorsitzenden, einem zweiten Vorsitzenden und einem Schriftführer. Mit Leuten, die viel reden und wenig bezahlen; und mit anderen Leuten, die sehr viel bezahlen und den Mund zu halten haben.

Nach diesem altbewährten Rezept, das der Deutsche mindestens so heilig hält, wie die frommen Karthäuser der Grande Chartreuse[214] das ihrige, bildete sich auch ein Komitee für die Feier des siebzigsten Geburtstages Hans Eduard Meßmanns, der, wie der schwungvolle Aufruf zur Teilnahme besagte, „in einem arbeitsreichen Leben die geistigen Schätze der Nation liebevoll gemehrt und durch seine unvergleichliche, echt deutsche Kunst, durch den Wohllaut seiner Lieder und die tiefe Bedeutsamkeit seiner epischen Gesänge sich die dauernde, heiße Dankbarkeit des Volkes erworben, das ihn voll Stolz aus seiner Mitte hervorgehen sah“.