Es war ein wirklich sehr schöner Aufruf. Und ein sehr schönes Komitee mit einem ersten Vorsitzenden, mit einem zweiten Vorsitzenden, mit zwei Beisitzern und zwei Schriftführern.
Nach mehrwöchentlichen Beratungen war man übereingekommen, des großen Hans Eduard Meßmann siebzigstes Wiegenfest in dem kleinen Odenwaldstädtchen zu feiern, das seine Heimat war und das er in seinem reizvollen Idyll „Die silberne Quelle im Odenwald“ in Sohnestreue verherrlicht hat.
Das falsche Geburtshaus
Auch Verhandlungen, sein bescheidenes Geburtshaus anzukaufen, wurden eingeleitet. Ein Bankier aus der Bukowina zeichnete den Löwenanteil der dazu nötigen Summe. Leider stellte sich später heraus, daß man das verkehrte Haus in der Melibokusstraße gekauft hatte, nämlich Nr. 15 statt 17; ein baufälliges Haus, in dem der Schwamm war, und das nachher mit einem nicht unbedeutenden Verlust wieder veräußert werden mußte, was der verärgerte Bankier aus der Bukowina in einer stilistisch nicht einwandfreien, aber sonst recht groben Erklärung mit seinem Austritt aus dem Komitee beantwortete.
Der Glanzpunkt der Feier sollte ein Fest im „Roten Ochsen“ eben jenes Odenwaldstädtchens sein. Fünf Gesangvereine hatten ihre Mitwirkung zugesagt; und es wäre zu befürchten gewesen, daß ein Tag für all die Gesangsvorträge gar nicht genügt hätte, wenn nicht in letzter Stunde drei beleidigte Vereine abgesagt hätten, weil man ihnen das „deutsche Lied“ von Kalliwoda vom Programm gestrichen hatte. Das sangen nämlich die anderen beiden Vereine auch; und man befürchtete, daß es den siebzigjährigen Jubilar allzusehr anstrengen werde, fünfmal das „deutsche Lied“ von Kalliwoda zu hören.
Außerdem sollten einige zwanzig Adressen überreicht werden. Die Vorsitzenden von siebzehn literarischen Gesellschaften hatten sich zu Huldigungsansprachen gemeldet. Der Bürgermeister hatte eine längere Rede zugesagt. Einige Professoren der benachbarten Universitäten und neun studentische Deputationen[215] wurden erwartet. Für die Festtafel waren elf offizielle[216] Reden vorgemerkt. Einunddreißig Tischlieder waren eingegangen, von denen aber nur neunundzwanzig auf Büttenpapier gedruckt wurden. Eins war offenbar von einem Irrsinnigen; und ein anderes erwies sich als das freche Plagiat[217] einer Klopstockschen Ode, an der nur kleine, nicht einmal geschmackvolle Änderungen vorgenommen waren.
Alles in allem, es mußte sehr festlich werden.
..... Ich stand auf dem Perron[218] und wartete auf den gefeierten Dichter.
Ich zog noch einmal die Postkarte von heute Morgen hervor und las im Schein einer flackernden Laterne — damals war noch nicht alles elektrisch! — seine ehrenden Worte.
„Lieber junger Freund! Ich weiß, Sie fahren auch nach M., wo ich ‚gefeiert‘ werden soll. Mir graut ein wenig davor. Aber schließlich: ich darf die vielen Wohlmeinenden nicht um ihre Freude bringen, wenn auch ich selbst solchem fieberhaft ausbrechenden Enthusiasmus etwas mißtrauisch gegenüberstehe. Kommt hinzu, es ist böse Jahreszeit; die Zugverbindung ist schlecht; und ich — bin siebzig Jahre. Niemand weiß, daß ich schon heute abend dorthin reise. Aber morgen Bahnfahrt und Feier wäre mir zuviel. Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun? Bilden Sie als einziger die Leibgarde des ‚triumphierenden Cäsar‘, zu deutsch: fahren Sie auch schon am Abend und lassen Sie mich unter dem Schutz Ihrer jüngeren Kraft dem ersten, vielleicht letzten Fest entgegenfahren, das mir meine zahlreichen, bis heute im verborgenen blühenden Verehrer spät, aber herzlich in meinem Vaterstädtchen bereiten wollen...“