Es stand noch einiges von wehmütiger Freundlichkeit klingende auf dem Blatt. Aber ich kam nicht weiter im Lesen.

Da war er!

In einen warmen, verschnürten Pelzrock gehüllt, der schon manches Jahr gedient haben mochte, eine etwas altmodische Reisetasche in der Hand, stand er vor mir. Sein gepflegter Patriarchenbart[219] schien mir noch weißer, noch ehrwürdiger geworden zu sein in den letzten Wochen. Der Jubilar war sichtlich etwas nervös erregt.

„Ich habe schon geglaubt, ich komme zu spät. So was von einem Kutscher. Und dieses Pferd — ich glaube aus meinem Jahrgang. Jung gewesen sind wir bestimmt zusammen. Es ist übrigens lieb, daß Sie gekommen... nein, nein, ‚natürlich‘ ist das durchaus nicht! So ein alter Mann als Handgepäck ist lästig. Aber ich werde sehen, daß ich mich brav halte. Ist’s Ihnen recht, so nehmen wir ‚ Nichtraucher ‘. Ich kann nämlich seit Jahren nur noch den Dampf von Zigarren vertragen, die ich selbst rauche... Schaffner, bitte, haben Sie ein leeres ‚Nichtraucher‘? Zweiter, ja. Vielleicht einen Wagen, der nicht zu sehr stößt.“

„No, wir könne wege Ihne nicht dem Herzog von Cambridge sein Salohwage[220] einstelle,“ erklärte der Grobian im breiten Dialekt meiner Heimat.

Ich schämte mich für ihn. Er wußte nicht, wen er da so barsch anließ. Er hatte offenbar das Zirkular[221] nicht bekommen.

Als wir saßen, stellte der große alte Mann die Heizung sofort auf „Sehr heiß“.

„Siebzig Jahre brauchen Wärme, junger Freund. ... Wissen Sie, ich bin hauptsächlich deshalb heute abend gefahren — ich schrieb’s Ihnen schon —, weil morgen der ganze Festtrubel — ich fürchte, es wird arg! — sich in den einzigen Frühzug ergießt. Und dann, wissen Sie, ich kenne die Leute fast alle nicht, die da kommen werden. Und die wenigsten kennen mich persönlich. Beim Bankett[222] — na ja, da werd’ ich unter Bekannten sitzen. Aber in der Bahn, was soll ich mit den Leuten reden? Ich werde auch — uah — sehen Sie, da haben Sie’s schon, ich werde so leicht müde beim Fahren — uah — dieses Geschuckel und das dumpfe halbe Licht.. nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn ich ein bißchen ... schlafe?“

„Aber, Meister, nein, o nein! Wo denken Sie hin — —“

Er hatte meine Erlaubnis nicht abgewartet. Er schlief schon. Er schnarchte sogar. Recht kräftig für einen Siebzigjährigen.