Als dem Jean Mourier die Pferde so feierlich hinunter schritten, von denen er nicht wußte, wann er sie wiedersah, blieb er nicht mehr zurück. Er raffte den Talar und lief den Grashang zu den schwarzen Felsen hinauf. Wo nur ein Splitter vorstand, fand seine Hand den Griff. Der lange Kutscher spektakelte ihm nach und fiel in einen Brombeerstrauch. Er spuckte ihn von oben an und halfterte sich weiter, bis er vom Grat hinunter sah auf Saargemünd, auf die Dächer und den Marktplatz mit dem verkropften Amtshausturm. Er hörte Böller schießen und sah den König an der Brücke, wie er auf seinem Schimmel Nello mit dem Gefolge feierlich einritt. Der Mourier merkte, daß er noch immer barhäuptig im Talar mit Glasperlen war, dazu mit rotgefärbtem Haar, doch sprang er Stein für Stein und tückisch lächelnd, bis er mit wilden Sätzen hinunter an die Saar kam, an einer flauen Stelle hindurch und über eine Mauer in einen Obstgarten, zwischen Buchsbaumhecken her in eine krumme Gasse, wo schon die Fahnen wehten und Menschen standen, durch sie hindurch und über eine Treppe auf den Marktplatz, wo das Getümmel anfing.

Am alten Amtsgebäude standen die Musikanten bereit zum Blasen, und unten zupften die Amtsherren ihre Kragen zurecht. Doch kicherte die Spottsucht vor dem König her und hing sich dem Gefolge mit Gelächter an. Die Saargemünder hatten das gefleckte Kälbchen Mariette und danach auch die anderen Pferde vom Mourier erkannt. So ritt der König erregt und unruhig statt feierlich heran. Nur die Ratsherren merkten nichts; sie gingen ihm entgegen mit entblößten Häuptern und brachten ihm auf rotem Samtkissen die Schlüssel ihrer Stadt — obwohl er längst darin war — und den Ehrentrunk in einem silbernen Hahn.

Schon setzten die Musikanten ihre Hörner und Klarinetten an, als der Mourier mit großen Sätzen an die Treppe sprang:

„Die Béarnaise! der König will die Béarnaise!“

Die Musikanten setzten erschrocken wieder ab, der Kapellmeister klopfte. Die Noten seines Einzugsmarsches blieben auf den Pulten, aber was sie spielten, waren die Klänge des wohlbekannten Gassenhauers. Die Wirkung war, wie wenn ein höherer Tanzmeister als der König einen Ball befohlen hätte. Als erster spitzte Nello die edlen Ohren und setzte sich in Trab. Die andern folgten im engen Zirkuskreis über den steinichten Marktplatz. Die Amtsherrn durften ihre Blicke nicht von dem Antlitz ihres dicken Königs wenden; so drehten sie sich mit im Kreis, als zögen sie die Pferde an einer Schnur und immer stürmischer um sich herum. Bald mußte der Minister mit der Brille sich an den Hals der hopsenden Mariette klammern, und der andere griff in die Mähne der Lisette.

Bis endlich da, wo die drei schweren Baßtöne das Finale einleiteten, die Vorführung ihrer schönsten Künste begann: der sieghafte Schimmel Nello mit dem König hinkte schwer und konnte kaum noch fort; die schwarzbehaarte Sylva mit dem langen Marschall begann zu walzen und drehte sich wollüstig um den Schimmel im Kreis herum, das gefleckte Kälbchen Mariette ging wild in seine Hinterbeine, daß der kleine Minister wie ein Säckchen Hafer an ihm herunter rutschte auf die spitzen Steine; die braune Lisette fing an zu scharren wie ein Schatzgräber, und Pierre, der hochbeinige Goldfuchs, brach in die Kniee und stellte den kleinen Marschall kopfüber auf den Federhut.

Die festlichen Einwohner von Saargemünd mit ihren Amtsherren waren über diese Aufführung so erschrocken, daß ins Gelächter rund um sie ein leeres Loch kam. Nur die Musikanten spielten erbärmlich weiter, bis die drei Läufe endlich den Schlußakkord erreichten und die Pferde standen. Da erst kam soviel Vernunft in diese Amtsherren, daß sie zum König sprangen, der wütend von dem sieghaften Schimmel Nello herunter wollte, daß sie dem kopfstehenden Marschall auf die Füße halfen und dem sitzenden Minister. Sie mußten auch den andern mit den Gichtfüßen durch die Kellertür unter der Freitreppe rasch in das Amtshaus tragen, weil der König vor den Blicken seiner Untertanen dahin eingelaufen war.

Kaum aber war die Tür geschlossen, als ein Spottruf das Gelächter von neuem weckte. Dem Mourier war ein wilder Einfall gekommen, als er in der weiten Tasche seines Talars den Blechteller fand. Er lief umher und hielt ihn hin; und nun war keiner, der den Sou[242] zurückhielt, und alles schrie und lachte und johlte dem Mourier zu, der mit der frechsten Miene nachträglich in Saargemünd die längst verdiente Ernte hielt.

Der König

Dem König mußte wohl der Hohn- und Bravoruf der Menge bedenklich geworden sein; er hatte sich danach erkundigt und einer von den Amtsherren war zu dreist im Lügen: von seiner Ungezogenheit beschämt, riefe das Volk nach ihm. Und er, dem seine dicken Beine noch zitterten von dem konfusen[243] Ritt, war so verwirrt, daß er mit huldvoller Gnade auf den Balkon hinaustrat. Da stand der Mourier in seinem grünen Talar und hielt dem König auch seinen Teller hin, daß die Sousstücke nach allen Seiten aufs Pflaster klapperten. Und der König, der mit verstörtem Antlitz heruntersah, den grünen Menschen nicht mehr kannte, auch sonst die Sache noch immer nicht begriff: er warf ihm eine von den gefüllten Börsen zu, die er für solche Zwecke stets bei sich trug. Dann wurde das Getöse auf dem Marktplatz so wild, daß sich der König seinem Volk ratlos entzog.