Jean Mourier, der Zirkuskönig, schüttete den Teller in seine Taschen, raffte noch so viel, wie er im Handumdrehen erraffen konnte, pfiff seinem Schimmel Nello, sprang auf, und ritt mit den fünf edlen Pferden durch das Gedränge und den Lärm davon. Gleich an der Brücke nahm er Galopp und rastete nicht, bis er in tiefer Dunkelheit nach Hundlingen kam. Da brannten wie sonst die Öllampen, und der tapfere Camillo machte ein armseliges Kunststück nach dem andern. Er ritt mit seinen nassen Pferden mitten in den Kreis, daß Weiber und Kinder auseinander kreischten, riß die Deichsel unter den Rädern heraus, und vor den enttäuschten Augen der Zuschauer von Hundlingen verschwanden Stricke und Messingstangen, Öllampen und Medenella in dem grünen Wagen, der im Fackellicht durch den Wald hinauf den nächsten Weg zur Grenze fuhr.

Am andern Morgen war der Zirkus schon im preußischen Saarbrücken. Er kehrte auch nicht wieder nach Frankreich zurück, als dem Jean Mourier in Aachen die Nachricht zukam, daß Louis Philipp, diesmal in einer Mietskutsche, sein undankbares Land verlassen hatte.

Louis Philipp in der Mietskutsche

Fußnoten:[238] Gassenhauer im damaligen Frankreich[239] etwa einem preußischen Regierungspräsidenten entsprechend[240] etwa einem preußischen Oberpräsidenten entsprechend[241] kameradschaftlich[242] Kupfergeldstück[243] tollen

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Karl Schönherr:
Die erste Beicht’.

Karl Schönherr, geboren 1867 zu Axams in Tirol, ist durch und durch ein Heimatdichter. Mit Recht hat Peter Hamecher diesen Poeten aus der Provinz in scharfen Gegensatz gestellt zu den etwas müden, dekadenten Dichtern der österreichischen Hauptstadt, einem Hofmannsthal, Schnitzler u. a. Der Arzt und Psychologe Schoenherr hat schon in der kleinen Sammlung „ Schuldbuch “ mit bitterem Ernst und scharfer Beobachtungsgabe Gestalten und Zustände seiner Tiroler Heimat festgehalten. Bereits hier, mehr aber noch in der vielgelesenen Sammlung „ Aus meinem Merkbuch “, tritt uns der liebevolle Beobachter alles Tüchtigen, Ernsten und Kernhaften entgegen. Früh zeigte sich, daß seine kraftstrotzende Gestaltungsgabe den Rahmen der Novelle sprengte und zum Drama hindrängte. Hier erst fand er Erfüllung und rechte Gestaltung.

Wie derb und wuchtig stehen diese Tiroler Männer und Frauen aus alter und junger Zeit vor unseren Augen! Gern gönnte man den Schiller- und Grillparzerpreis diesem Dichter, der es verstand, lebensvolle Menschengestalten von fast antiker Einfachheit und Größe hinzustellen. Aber derselbe Mann arbeitete auch mit jener bohrenden Seelenforschung, die an nordische Schriftsteller erinnert. —

In seinen Schauspielen begegnen uns häufig so recht jungfrische Lausbuben. Ein solcher ist auch der kleine Held unserer Erzählung. Man sieht ihn förmlich vor sich, den kleinen Sünder, wie er die Brocken für seine Beichte zusammenklaubt. Wir begleiten ihn an den Beichtstuhl des sackgroben Pfarrers und erschrecken mit dem Buben, als urplötzlich das irdische Strafgericht hereinbricht, just in dem Augenblick, da die himmlische Vergebung erlangt zu sein schien. Und von ganzem Herzen gönnen wir dem tückischen Simele seinen „vollgehämmerten Buckel.“

M. G.