„Der birkene Segen von gestern wirkt noch!“

Als nach und nach Hansl’s Ohren abzuschwellen begannen und auch Mutters „Segen“ allgemach die Kraft verlor, kam ihm wieder der Verstand. Und da brachte er es leicht heraus, daß der verlorene Sündenzettel für ihn so verhängnisvoll geworden war.

Der Flatscher-Simele, so was man sagt, ein guter Freund, hatte den „Zettel“ gefunden, und war damit sofort wie ein Leichenbitter von Haus zu Haus gelaufen, um Hansl’s Missetaten an die richtigen Adressen zu befördern. Hatte auch zur Erweisung seiner Behauptung überall den Zettel mit Hansl’s eigenhändiger Unterschrift vorgewiesen.

Der Hansl hat aber dann ein gut Teil jener „seligmachenden Gefühle“, die seine erste Beichte in ihm ausgelöst, an den Simele weitergegeben, und ihm den Buckel vollgehämmert.

Hansls Gugelhupf

Fußnoten:[244] gleichmäßig[245] begleitete[246] versteifen[247] mißhandelt[248] Beichtbank[249] Rosinen[250] bequem

Verlagssignet

Ludwig Thoma:
Kabale und Liebe.

Ludwig Thoma, 1867 in Ober-Ammergau geboren, hat sich auf den verschiedensten Gebieten umgetan, im Schauspiel, Lyrik und Prosa, von der kleinen Skizze bis zum Bauernroman. Tod den Philistern — das ist vielleicht die beste Losung für sein vielseitiges Schaffen. Aus dieser Stimmung heraus wurde er der Mitbegründer von „ Simplizissimus “ und „ März “, zwei Zeit- und Streitschriften im Kampf gegen allerlei Vorurteile und Engherzigkeiten. Schlemihl-Thoma hat die Geißel bitterer Satire so kräftig geschwungen, daß sein Ruf als Dichter fast Schaden litt. Er leuchtete hinein in moralische Mißstände und soziale Verkehrtheiten. Am liebsten aber zog er immer wieder blank im Kampf gegen engherzige Parteipolitiker und heuchlerisches Pfaffentum. Mit heller Freude haben wir seine Briefe eines ländlichen Abgeordneten gelesen. Verhältnisse und Persönlichkeiten seiner bayrischen Heimat, die der frühere Rechtsanwalt von Grund aus kennt, weiß er uns so lebendig vor Augen zu führen, daß wir sie zu sehen glauben. Und doch sind diese Dachauer Bauerngestalten Schöpfungen höchster Kunst wie jene Gestalten auf Leibl’s Gemälden, die man nie wieder vergißt.

Diese Verbindung von Naiv-Einfachem mit hoher Kultur tritt uns höchst reizvoll in unserer Novelle „Kabale und Liebe“ entgegen. Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote, auch ein Meister im Volkston, hat einmal eine Aufführung von Lessings „Minna von Barnhelm“ behandelt vom Standpunkte eines naiven Zuhörers, der alle Vorgänge auf der Bühne so lebhaft und leibhaftig mitempfindet, als ob sie sich wirklich vor seinen Augen zutrügen. Turgenjeff ist dann in seiner Novelle „Faust“ einen Schritt weiter gegangen. Er schildert die starke, verhängnisvolle Wirkung, die Goethes Faust auf ein Gemüt ausübt, das zwar naiv und von der Kultur noch unberührt, aber für künstlerische Eindrücke stark empfänglich ist. Etwas Ähnliches mag Thoma vorgeschwebt haben. Das Ergebnis der Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ ist eine kräftige Prügelei der beiden Liebhaber. Das Stück war eben für die kleine Stadt zu leidenschaftlich gewesen. Das hatte der Herr Oberamtsrichter von Anfang an gesagt.