Und ich tat mein schönes Gewand an und setzte den großen grauen Lordshut auf, den ich in Deutschland nicht zu tragen wage, weil er eine Art Nabel hat, nämlich einen Filzknopf zur Kaschierung der Ventilöffnung. Denn es ist ein Hut, den die englischen Lords in Indien tragen, wo es sehr heiß ist.

Auch meine Frau putzte sich so stattlich heraus, wie es dem Umstande angemessen erscheinen mußte, daß wir uns in den wabernden Dunstkreis rollenden Reichtums begeben wollten.

Da hier das »Reisebureau« noch keine Macht über uns hatte (denn den Weg zum Spieltische würden wir, so meinte es nicht ohne psychologischen Scharfsinn, schon selber finden), durften wir, o Glück und Wonne, o Seligkeit, allein gehen. Die Prozedur der Ausbootung, vor der meine Frau auf recht anmutige Art Angst an den Tag legte, während ich nicht ganz so graziös den erfahrenen Gangwaykletterer spielte, vollzog sich ohne jede Fährlichkeit, obwohl ich, zu meinem nur mühsam verhehlten Mißvergnügen, gezwungen war, mit der Linken den zwar schönen, aber nicht ganz festsitzenden Lordshut zu halten, da ich doch die entschiedene Tendenz hatte, mit ihr Halt am Treppengeländer zu suchen. Aber es ging auch so, und ehe wir's uns versahen, befanden wir uns alle drei: die Frau, der Hut und ich, im Boot. Nervige Arme ruderten uns an die französische Küste. (Das muß ich einmal in einem Romane gelesen haben.) Da diese von Rechts wegen eine italienische Küste sein sollte, regte sich in meiner Frau die Patriotin, und sie hätte gar zu gerne gehört, daß sich der Mann mit den nervigen Armen zur Italia irredenta bekannt und Verwünschungen gegen die Franzmänner ausgestoßen hätte. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Gefühle dieser Art grün-weiß-rot aufleuchten zu lassen, vielmehr sagte er, und noch dazu in einem stark französisch unterwachsenen Italienisch, sie in Villefranche (!) seien allzumal höchlich zufrieden mit der Pariser Republik, denn der gallische Hahn füttere die Seinen besser als der savoyische Adler.

»Vergogna!« meinte die Toskanerin, gab ihm aber doch eine gute Mancia, wenn auch demonstrativerweise in italienischer Münze. Worauf der Nervige dann endlich Evviva Italia! rief.

Nach den mächtigen Befestigungen zu urteilen, mit denen die Franzosen den Hafen von Villafranca (das aber nur die Bücher so nennen; die Leute sagen alle Villefranche) umgürtet haben, gedenken sie, dieses schöne Stück Land gewiß nicht freiwillig wieder herzugeben. Auch liegt eine Menge Kriegsvolk dort in Garnison; Alpenjäger, sehr gut aussehende und malerisch uniformierte Leute. Indessen fand die etwas kordial demokratische Art, mit der sie ihre Vorgesetzten grüßen, durchaus nicht den Beifall zweier unserer Reisegenossen, die, wohl in der Meinung, daß kein Mensch in Frankreich deutsch versteht, recht laut und ungeniert Kritik daran übten, wobei der Ausdruck »schlappe Bande« noch der mildeste war. Mir kam das weder sehr klug vor, noch fand ich es hübsch, habe aber auch im weiteren Verlaufe unserer Reise noch recht oft die Beobachtung machen müssen, daß unsere Landsleute sich gerne darin gefallen, fremde Sitten, Gewohnheiten, Einrichtungen unter dem Gesichtswinkel des in Deutschland Üblichen zu beurteilen, zuweilen direkt mit dem Schlußtrumpf: hier sollten wir Ordnung schaffen dürfen! Ob Geibel das gemeint hat, als er ausrief »Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«, scheint mir fraglich, während ich der sehr bestimmten Überzeugung bin, daß dieses Wesensmachen vom deutschen Wesen sehr dazu angetan ist, das deutsche Wesen in Mißkredit zu bringen.

Schade nur, daß der schöne Weltverstand, der bisher die Deutschen auszeichnete, verloren gehen muß, wenn dieses Mauldeutschtum, das nachgerade zum Großmauldeutschtum zu werden droht, um sich greift. Ich habe auf dieser Reise nicht viele Deutsche getroffen, auf die das Wort Goethes hätte angewendet werden dürfen, das sonst vom deutschen Geiste gelten durfte: »Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.« Und so habe ich mich manchmal gefragt: Warum reisen diese Leute eigentlich? Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn, zu reisen, da es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder andere Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber, zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd Schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schäden der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. Dies scheint aber vielen direkt unmöglich zu sein. Sie sehen z. B. (ich konstruiere hier nicht, sondern gebe wieder, was ich mit eigenen Ohren gehört habe) einen Ölbaum. »Gott, was für ein häßliches Ding ist das!« sagen sie, »da ist doch eine richtige deutsche Eiche was anderes!« Man müßte närrisch sein, wenn man das bestreiten oder sich durch einen Ölbaum den Geschmack an einer Eiche verderben lassen wollte, aber nicht weniger närrisch ist es auch (von dem damit bewiesenen Mangel an Schönheitsempfinden gar nicht zu reden), im fernen Syrierlande die deutsche Eiche heraufzubeschwören, um den Eindruck eines Ölbaumes zu deklassieren. Es wäre davon, als von etwas schlechthin Törichtem gar nicht der Rede wert, wenn sich nicht eben eine Art von perversem Nationalismus darin äußerte, ein häßlicher Geist der Selbstzufriedenheit und Ablehnung alles Fremden, das nur noch als kurios, nicht aber als schön anerkannt wird. Diese Art Negation hat etwas Freches, das ganz unleidlich gerade für den ist, der sein deutsches Wesen als Bejahung jeder Schönheit empfindet. Auch ist es gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen.

Ein Rosselenker rief uns an, fragend, ob er uns für zwanzig Franken zweispännig nach Monaco befördern dürfte. Mein Lordshut und Madames Spitzenmantel hatten es ihm angetan. Aber es lag uns wahrhaftig ferne, unserm Spielfonds zwanzig Franken zu entziehen. Wir blieben, wie hold er auch lächelte, fest und warteten auf die elektrische Trambahn.

Diese Charakterstärke hätte einen besseren Lohn verdient als den, der uns zuteil wurde. Wir mußten fast eine Stunde harren, bis ein Wagen kam, in dem es noch zwei freie Plätze gab, und zwar Stehplätze. Ich erwähne dies als Beitrag zur Morallehre. Nein, o ihr gutgläubigen Schwärmer, es ist nicht wahr, daß Tugend belohnt wird. Das lüsterne Fleisch fährt zweispännig, und der stoische Wille muß sich von knoblauchduftigen Nizzarden auf den Hühneraugen herumtreten lassen. Aber das ist richtig: hinterher ist die Genugtuung der Tugend groß, die achtzehn Franken für den Spieltisch gespart hat.

Von der Pracht und Herrlichkeit des Kasinoplatzes auf Monte Carlo möge ein anderer handeln. Ich für meinen Teil finde ihn allzu prächtig und allzu herrlich. Mir fehlt der Sinn für Pompositäten ohne lebendigen Geschmack. Dagegen habe ich mit Signora recht andächtig und entzückt die Auslagen einiger Pariser Putzmachergeschäfte bewundert. Beim Andenken der verliebten kleinen Müsette! – meine Frau hat recht: diese Pariser »Schurkerinnen« (so heißt in toscano-tedesco das Femininum von Schurke) haben mehr als Talent, haben Genie. Aus ein bißchen Sammet oder Seide, Spitzen oder Tüll, Stroh oder Pelz, mit ein paar Blumen, Schleifen, Rüschen, Federn wirken sie ästhetische Wunder. Diese Hüte haben den Reiz von Improvisationen geistreich geschmackvoller Menschen. Es haftet ihnen nichts vom Geiste der Schwere an, keine Steifheit, keine Absichtlichkeit. Es ist Grazie mit Witz; Esprit, der Phantasie hat; Geschmack, der es bis zur Poesie bringt. Ein fabelhaft sicherer Sinn für Form und Farbe unternimmt die frechsten Wagnisse bis hart an die Grenze des Möglichen, ohne jedoch etwas hervorzubringen, das nicht als Kunstwerk von Distinktion wirkte. Selbst das Höchste in der Kunst bringt er zuwege: reine Einfalt ohne Banalität. Wir sahen einen Hut, der eigentlich nichts war als ein umgestülpter Topf aus rotem, weißem und schwarzem Sammet. Es ist ganz unmöglich, zu sagen, warum dieses Ding nicht etwa plump oder komisch, sondern schlechterdings hinreißend schön aussah. Das Geheimnis seiner Schönheit lag wohl darin, daß die Linien seines Umrisses sowohl wie jede Falte des Stoffes von Fingern gebildet waren, die genialer Eingebung des Momentes folgten, nachdem das Ganze zuvor innerlich von der Künstlerin gesehen worden war.

Es begreift sich leicht, daß meine Frau den lebhaften Wunsch hegte, einen solchen Hut zu besitzen, und ich noch den lebhafteren, sie in einem solchen Hute zu sehen. Daß aber ein deutscher Dichter, und er sei gleich, wie ich, noch mehr Geschäftsmann als Dichter, nicht in der Lage ist, seiner Frau ein derartiges Kunstwerk, die Verkörperung des ästhetischen Genies einer traditionell ästhetischen Rasse, zu kaufen, leuchtet ohne weiteres ein.