Heute wissen wir, daß Bierbaum kein geringerer Lebenskünstler ist als Liliencron und erkennen es deshalb als einen Zug wohltuender Dankbarkeit, daß er zum Lobe des Dichters der »Adjutantenritte« die ehernen Worte fand: »Da kam Liliencron, und wir vernahmen aus seinem Munde in Versen von ganz der Art, um die wir rangen, Worte der Bejahung des Lebens ohne Sehnsucht nach Utopien, wohl aber verklärt durch Gesichte einer zweiten tieferen Realität: der des seherischen Künstlers. Zum ersten Male, und das entzückte uns besonders, sahen wir unter uns einen Dichter von ganz ursprünglicher und unverbildeter dichterischer Veranlagung, der kein Literat war, ja das Gegenteil eines Literaten, und der in seinen Gedichten, so voll sie der reinsten, echtesten, kräftigsten Poesie waren, auch nicht den Dichter hervorkehrte, dieses abstrakte X., das alles individuell Menschliche verbirgt, sondern eine ganz deutliche Persönlichkeit bekannte. Auch wir taten uns ja etwas darauf zugute, daß wir, nicht selten mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack unserem dichterischen Ich deutliche Persönlichkeitszüge mitgaben, wenn wir es zum Mittelpunkte einer lyrischen Konfession machten, aber es sah dennoch fast immer recht sehr allgemein aus, denn, so heftig wir nach dem höchsten Gute: der Persönlichkeit trachteten, so wenig konnten wir es im allgemeinen erreicht haben, da wir zu jung dazu waren und zu wenig wirklich erlebt hatten. Auch waren wir zu ausschließlich Dichter und betonten diesen Umstand sogar als etwas, das uns auszeichnete, – eigentlich ganz wie die von uns so sehr geschmähten ›Alten‹, die es nur in anderer Manier und aus anderen Gründen taten.«
Bereits vor zwanzig Jahren durfte er seine ersten Lorbeeren pflücken, als er mit seinen warmherzigen und geistvollen Abhandlungen über Arnold Böcklin, Detlev von Liliencron, Fritz von Uhde und Franz Stuck die Kreise der Künstler und Literaten entzückte. Außerhalb dieser Kreise war sein Name zunächst noch wenig bekannt, und erst die »Studentenbeichten« trugen seinen Ruhm hinaus auf den Markt, bis ihn der »Irrgarten der Liebe« und die vornehme Auswahl des »Seidenen Buches« geradezu volkstümlich machten. Jedenfalls gehört Bierbaum heute zu den meist- und bestkomponierten unter den lebenden Lyrikern; es sei nur an die Kompositionen von Richard Strauß und Max Reger oder an das vielgesungene Lied »Sommernacht« in der genialen Vertonung des Königsberger Kapellmeisters Paul Scheinpflug erinnert:
Laue Sommernacht; am Himmel
Stand kein Stern; im weiten Walde
Suchten wir uns tief im Dunkel,
Und wir fanden uns.
Fanden uns im tiefen Walde
In der Nacht, der sternenlosen,
Hielten staunend uns im Arme
In der dunklen Nacht.
War nicht unser ganzes Leben
So ein Tappen, so ein Suchen?
Da: in seine Finsternisse,
Liebe, fiel dein Licht.
Bierbaums Gedichte, Lieder und Sprüche haben fast durchweg etwas Schlichtes, Natürliches, etwas Einschmeichelndes und Herzgewinnendes, wie es unser Volk liebt; und wenn seine Versbücher auch eine Menge leichter Tändeleien mit sich führen, so enthalten sie doch alle eine stattliche Anzahl Gedichte, über denen ein wirklich echter, zarter Duft von Grazie und Anmut liegt.
Mit dem Schauspiel »Stella und Antonie« betrat der Dichter zum ersten Male den dornenreichen Pfad des Dramatikers. Das Stück, das an den vornehmsten deutschen Bühnen wiederholt mit glänzendem Erfolge aufgeführt worden ist, behandelt die Tragödie eines Mannes, der zwischen zwei leidenschaftliche Weiber gerät, von denen sich das eine an seine Sinne, das andere an sein Herz und seine Seele wendet; es ist der Konflikt zwischen der wildbegehrenden Natur und der edlen Sitte, ein heißer Kampf, in dem die Sitte siegt. Im Elberfelder Stadttheater erzielten außerdem vor einigen Jahren zwei mit allerlei Spitzen und Bosheiten gegen Pastor und Staatsanwalt gespickte »Stilpe-Komödien« einen allgemeinen Heiterkeitserfolg. Weiter schrieb er das graziös-tiefsinnige Märchenspiel »Lobetanz«, zu der Ludwig Thuille zarte lyrische Weisen fand. Er gab Kortums »Jobsiade« mit einer launigen Vorrede in Knittelversen neu heraus, schrieb eine willkommene Studie und Verteidigungsschrift über Meister Hans Thoma, dichtete als alter Korpsstudent aus Anlaß des Leipziger Universitätsjubiläums die Studentenkomödie »Der Musenkrieg« und ist Herausgeber des seit einigen Jahren im Verlage von Theodor Weicher (der auch die mit handschriftlichen Selbstbiographien der Dichter und ihren Porträts ausgestattete Sammlung »Deutsche Lyrik der Neuzeit« herausgebracht hat) in Leipzig erscheinenden Goethe-Kalenders. Er gründete die Monatsschrift »Insel«, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus und rief mit Meier-Gräfe zusammen die kostbar ausgestattete Kunstzeitschrift »Pan« ins Leben. Was er aber auch begann, geschah in einer glücklichen Stunde, unter einem glücklichen Stern.
Daß seine Muse auch dem Zuge der Zeit zu folgen wußte, bewies er durch die »Empfindsame Reise im Automobil«. Mit offenen, wachen, allen Erscheinungen des Lebens und der Natur zugewandten Sinnen reisen, nennt er empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint ihm als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben zu werden. In unserer Zeit hat man das Reisen ja verlernt; man läßt sich transportieren. Bierbaums Ziel war, mit dem modernsten aller Fahrzeuge auf recht altmodische Weise zu reisen; sein Leitspruch hieß: »Lerne reisen ohne zu rasen«, und die achtzehn Briefe, in denen der Dichter seinen Freunden Detlev von Liliencron, Hans Thoma, Franz Stuck, Max Schillings, Fritz von Uhde, Oskar von Chelius, Ludwig Thuille und anderen berichtet, beweisen, daß er seinen Spruch zu beherzigen verstand. Bierbaum hat sehen und genießen gelernt; das ist's, was ihn ebensosehr zum geistvollen Plauderer und Humoristen wie zum Sittenschilderer und Kunstkritiker stempelt. In der soeben bei Georg Müller in München erschienenen »Yankeedoodle-Fahrt« hat er diese Fähigkeit von neuem im schönsten Lichte entwickelt.
Eine besondere Betrachtung gebührt Otto Julius Bierbaum als Romancier. Was Schönheit und Weiberklugheit vermag, das erzählt Bibaomo, Baccalaureus der schönen Künste, in seinem Roman »Das schöne Mädchen von Pao«, in der »Schlangendame« geschieht nichts weniger, als daß die Serpentincancanöse Fräulein Paula Hollunder einen verbummelten Studenten, Herrn Ewald Brock, erzieht, bemuttert und nicht eher ruht, bis sie aus ihm einen wirklichen Doktor und ein braves und nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft gemacht hat. Die landläufige Moral bekommt hier also einen argen Stoß; für die Überzarten, Zimperlichen, Prüden ist die »Schlangendame« nichts, ebensowenig wie der »Pankratius Graunzer«.