Dasselbe gilt von »Stilpe«, dem Roman des verkommenen Genies, sowie von der dreibändigen Geschichte »Prinz Kuckuck, Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings«; beides Werke von ebenso groteskem Farbenspiel wie bitterem Ernst, aus denen nicht zuletzt der Berufserzieher eine Fülle von Anregungen und heilsamen Lehren ziehen kann. Was Bierbaum selbst über das Wesen des Romans denkt, hat er in seinem Widmungsbriefe an Holger Drachmann ausgedrückt, über seine besonderen Absichten mit dem Zeitroman »Prinz Kuckuck« sagt er in den von Professor Litzmann herausgegebenen Mitteilungen der Literarhistorischen Gesellschaft in Bonn:
»Die Grundabsicht meiner Arbeit ist satirischer Natur, aber die Satire wendet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern gegen allgemeinere Zeiterscheinungen. Es lassen sich herausheben: Erziehungswesen, Übermenschentümlichkeit, Macht des Geldes (über den Besitzer wie über seine Umgebung), Rassenphrasen, künstlerische Galoppentwickelung, Erotomanieen aller Art, Snobismen auf verschiedenen Gebieten (selbst der Religion), Neigung zur Allüre und allem Äußerlichen. Dies alles wie in einem kochenden Nudeltopfe: ein ewiges Auf- und Nieder- und Durcheinanderwallen: eine Zeit ohne Helden und ohne Stil, aber mit heftig bewegter Tendenz danach.
Insofern erscheint eine Hauptfigur mit Zügen ausgestattet, die nicht bloß individuell gedacht sind: Der Erbe, der nicht zu erwerben weiß, um zu besitzen. Indessen ist er doch nicht wesentlich als Typus angelegt, wenngleich gewisse Besonderheiten an ihm (so sein ›antisemitisches‹ Halbjudentum, das Zufallhafte seines Reichtums und damit sein Mangel an Tradition) nicht ohne eine Art symbolisch allgemeiner Bedeutung sind. Denn neben der satirischen Absicht leitete mich das Interesse an gewissen psychologischen Problemen und, natürlich, die Lust am fabulierenden Gestalten.
Darüber aber ist nun wohl vom Verfasser nichts zu sagen. Erscheint das psychologische Problem, erscheinen die einzelnen Gestalten nicht mit aller Deutlichkeit, und entbehrt die (übrigens erfundene, nur in einzelnen Voraussetzungen der Anlage modifiziert dem Leben entnommene) Fabel der Geschichte des Reizes überzeugender Anziehungskraft, so hilft kein Kommentar und Wegweiser des Autors über den Umstand weg, daß sein Werk verfehlt ist. –
Im ersten Hefte des dritten Bandes ›Aus Kunst und Altertum‹ finden sich hintereinander zwei Axiome Goethes, die auf meinen Roman im allgemeinen wie im besonderen passen:
›Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe; das andere wird sich schon finden.‹ Und:
›Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.‹
Auf die Frage, ob ich eine Weise habe, kann nur der Roman selbst antworten; auf die, ob sie den anderen gefällt, nur die anderen; und schließlich auf die, ob sie künstlerisch wertvoll zum Ausdruck gebracht worden ist, mag die Kritik ihre Antwort geben. Ich glaube, daß Aufbau und Gliederung meiner subjektiven Epopöe für den ästhetischen Beurteiler literarischer Kunstwerke einiges Interesse haben werden. Bei aller Freiheit im einzelnen bin ich konstruktiv sehr streng zu Werke gegangen, – auch in Fällen, wo man mir am Ende nachsagen wird, daß ich mich aus reiner Lust am Fabulieren habe gehen lassen (z. B. in dem Zwischenstück aus dem XVIII. Jahrhundert im dritten Bande, das eine Art Rück- und Wiederspiegelung des Problems sein will). Die Vielfältigkeit des Stiles läßt sich, denk ich, durch die Anlage des Ganzen rechtfertigen, das ich mit einem weitläufigen Gebäudekomplex nach Art des bayrischen Nationalmuseums vergleichen möchte, das, als Ganzes eine ästhetische Einheit, im einzelnen die verschiedensten Stile aufweist (in der Architektur wie in der Inneneinrichtung). Wenn es mir wie Meister Gabriel von Seidl gelungen ist, mit verschiedenartigen Mitteln ein Gebäude aufzurichten, das dennoch als organisches Gebilde wirkt gleich alten Bauwerken, denen die Entwickelung der Zeit eine Vielfältigkeit des Stiles gegeben hat, ohne ihre konstruktive Einart zu verwischen, so glaube ich, daß der Wechsel des Duktus kein Fehler meines Romanes ist. Es geschah nicht aus Lust an stilistischer Spielerei, sondern stellte sich wie von selbst mit dem Wechsel der Szenerie, der Handlung, der Zeit innerhalb meiner Geschichte ein. Wäre sie (vergleichsweise) ein Dom, ein Palast, ein idyllisches Landhaus, so möchte das Nebeneinander von Stilen schwerer zu verteidigen sein. Sie ist aber eine Art Museum von allerhand, höflich ausgedrückt, Kuriositäten der Generation, zu der ich gehöre, und so durfte ich meiner Empfindung nach, die Geschichte der schönen Sara im Stile der Krinolinenzeit, die Erlebnisse des ›Helden‹ in der Ulrikusstraße zu Hamburg aber im Stile des Naturalismus vom Anfang der achtziger Jahre erzählen usw.
Das zweite Zitat aus Goethe, das, wenn ich nicht irre, bei dem bekannten Spielhagenschen Romane Pate gestanden hat, umschreibt das dominierende Problem im Leben meines sehr problematischen Wollüstlings aufs treffendste. Wie es mir nach Beendigung der ersten beiden Bände vor Augen kam, erschrak ich beinahe, als hätte ich mich selbst auf einem Plagiat ertappt. Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, daß das ›Wollüstling‹ im Titel eine ironische Nuance hat …
Nur wer des Sinnes für Nuance und Ironie entbehrt, dürfte überhaupt gut tun, sich eine weniger problematische Lektüre zu wählen, als den ›Prinzen Kuckuck‹. Damit ist gesagt, daß das Buch sich insbesondere nicht für junge Mädchen eignet, als welche fast ausnahmslos so glücklich sind, diesen gefährlichen Sinn nicht zu besitzen.