Es soll ja überdies auch unmoralisch sein und ist bereits als pornographisch denunziert worden. Demnach gibt es Leute, die Bücher mit der ausgesprochenen Absicht lesen, Anstoß zu nehmen. Es muß dies eine Art Perversität sein; geistiger Masochismus etwa. Denn, wenn ein Buch auf seinem Titel ausdrücklich bekennt, daß es vom Leben, den Taten, den Meinungen und der Höllenfahrt eines Wollüstlings handelt, so sollte ein (sozusagen) normal prüder Mensch sich hinlänglich gewarnt und abgestoßen fühlen, und er sollte sich den Stein des Anstoßes nicht geradezu ins Haus tragen. Tut er's dennoch, so wird man annehmen dürfen, daß ihm entweder das Ärgernisnehmen oder das Denunzieren vergnüglich ist. Jeder Staatsanwalt aber sollte mit Entschiedenheit erklären, daß die Organe des Staates nicht dazu da sind, derlei perversen Trieben zu dienen. Ich für mein Teil darf sagen, daß mir ebenso unerwünscht wie diese Art Leser die sind, denen das Wort Wollüstling etwa als Einladung erschienen ist. – Im übrigen glaube ich, daß mein Roman eine sehr schöne Moral hat. Sie steht bei Immanuel Kant mit diesen schönen Worten zu lesen: ›Durch die Einschränkung der Selbstliebe und Niederschlagung des Eigendünkels entsteht in uns jenes Gefühl, welches das Moralgesetz in uns bewirkt.‹«

Es kam Bierbaum bei der Niederschrift des »Prinzen Kuckuck« nicht allein darauf an, das Leben eines Menschen zu schildern; sein ungleich größeres Thema war die Zeit, in der sich der Held bewegt. Seltsame Gestalten tauchen vor uns auf, seltsam und doch so lebenswahr und psychologisch echt, und alles das ergänzt sich zu einem treuen Spiegelbild des unruhigen Getriebes unserer gegenwärtigen Epoche, deren Pulsschlag hastig und unsicher, voll Leidenschaft und Erregung ist. Wer die wahren Schäden unserer Zeit kennt und sich nicht fürchtet, dieses zu bekennen, der wird den »Prinzen Kuckuck« mit noch größerer Freude begrüßen, wie einst den »Stilpe«. Denn es geht, wie Felix Salten in der »Zeit« so treffend ausgeführt hat, von der Erzählung ein solcher Sturm des Geschehens, des Erfindens aus, daß es ist, als hätte man die Begebenheiten, die Menschen und die Schicksale eines ganzen Zeitalters zusammengeschüttelt, die Stoffe von zwanzig Romanen, von dreißig Komödien und von hundertfünfzig Novellen. Der Sohn der schönen Sara schreitet durch diesen Tumult von Gestalten und Ereignissen, durch dieses Zeitalter, welches das unserige ist. Er wächst auf, wandelt sich, genießt die Welt, taumelt durch die Brandung der Epoche, überall dort, wo sie am wildesten schäumt, ist der Liebling und der Narr des Glücks, und stirbt wie eine Flamme oder wie ein Gleichnis. Im »Prinzen Kuckuck« ist so ziemlich alles aufgefangen, was heute die germanisch-slawisch-gallisch-jüdische Menschheit des modernen Europa erlebt; ginge diese Welt jetzt durch eine Sintflut spurlos unter, sie fände sich mit all ihrem sonderbaren Getier in diesem Buch aufbewahrt, wie in Noahs Arche.

Dem Roman ließ Bierbaum sehr schnell das Essaybuch »Liliencron«, die »Sonderbaren Geschichten« und die »Yankeedoodle-Fahrt« folgen. In seinem Liliencron-Buch hat Bierbaum – neben Michael Georg Conrad ohne Frage der Berufenste unter allen »Biographen« Liliencrons – die bedeutendsten seiner zahlreichen Bekenntnisschriften über den Unvergeßlichen vereinigt. Nur wenigen hat sich der Dichter des »Poggfred« und der »Adjutantenritte« so unverhohlen mitgeteilt wie ihm; zudem war Bierbaum nächst dem großen Anreger und Vorkämpfer Michael Georg Conrad der erste, der die Bedeutung Liliencrons erkannte und mit glühender Begeisterung und offenem Freimut für ihn in die Schranken trat. Man versteht es und freut sich dessen, daß die Dankbarkeit den Verfasser veranlaßte, das Buch dem älteren Kameraden zuzueignen, und man braucht nur den Widmungsbrief an Michael Georg Conrad zu lesen, um den Grundakkord zu vernehmen, auf dem die Sinfonie des herrlichen Buches sich aufbaut: die Sinfonie der Schönheit und der Kraft.

Die »Sonderbaren Geschichten« erinnern uns in der Kunst der Prosa an den großen Roman, ja sie übertreffen ihn darin vielleicht insofern, als der Reichtum der Ausdrucksmittel hier in schärferer Zucht gehalten, klarer disponiert ist. Ein Stück wie »Samalio Pardulus« darf als Wortkunstwerk einen Rang beanspruchen, der oberhalb des meisten steht, was die künstlerische deutsche Belletristik hervorgebracht hat. Diese Sprache hat nicht bloß Anschaulichkeit und Wärme, sie hat auch Rhythmus und zwar, daß ich nicht mißverstanden werde: ohne sogenannte poetische Prosa zu sein. In ihr waltet die Ökonomie der Novelle, wie im »Prinzen Kuckuck« der mächtige Atem des künstlerischen Romans der Sprache das Gesetz: die künstlerische Struktur gibt. Man muß in Deutschland immer wieder auf derlei hinweisen, denn der Genuß von Kunstwerken des Wortes hängt nicht bloß vom Verständnis des Inhaltes, sondern fast noch mehr davon ab, daß der Leser seinen Sinn für die Form bilde und des Wohlgefühls teilhaftig werde, das in der Erkenntnis von Schönheiten liegt, die sich nur dem offenbaren, der das innere Ohr hat. Wir haben das erst durch Nietzsche wieder erlangt, von dem Bierbaum als Künstler viel mehr beeinflußt worden ist, als von irgendeinem Lebenden; wie denn überhaupt seine künstlerischen Nährväter hauptsächlich in der Vergangenheit zu suchen sind. So steht seine Lyrik keineswegs wesentlich unter Liliencronschem Einflusse, sondern unter dem von Goethe, Claudius, Bürger. Von den Modernen hat nur der große Nietzsche stark auf ihn eingewirkt.

Das Hauptmerkmal der »Sonderbaren Geschichten« ist ihr grotesker Zug. Wenn »Die Stimme des Blutes« wie »Samalio Pardulus« eine tragische, »Der mutige Revierförster« eine satirische Groteske ist, so findet sich für jedes andere Stück – die vorliegende Auswahl bringt außer den beiden letzten Geschichten noch aus der Sammlung das launige Epos »Der heilige Mine« und die von echter Raubritterromantik getragene Erzählung »Annemargret und die drei Junggesellen« – gleichfalls als Hauptzug der der Groteske im Sinne der Alten und der Renaissance. Es sind eigentlich alles Maskenspiele; aber unter der Maske, durch die Maske leuchtet das Leben. Alle diese »Sonderbaren Geschichten«, die sich so leicht lesen, sind im Grunde gar keine so leichte Ware; nur nachdenkliche Lektüre wird ihr gerecht. Und das ist überhaupt das unterscheidende Merkmal des Bierbaum der letzten Zeit, daß er zwar seine Leichtigkeit nicht verloren hat, auf seinen Flügeln aber mehr zur Höhe trägt, als früher. Auch die Gedichte von »Maultrommel und Flöte« zeigen das. Der Wein dieser Lyrik ist schwerer geworden, ohne an Bouquet verloren zu haben. Und wenn Bierbaum auch hier noch gerne tändelt, so ist es der frohmütige Spaß eines reifen Mannes, nicht mehr jugendliches Amüsement. So stehen auch die Stücke der »Yankeedoodle-Fahrt« über der »Empfindsamen Reise im Automobil«, weil diesmal das Gepäck reicher an den Reiseeffekten ist, die zur großen Lebensreise gehören, soll sie zu der höchsten Station: Weltanschauung führen. Trotzdem, nein: eben deswegen überglänzt alle drei Bücher echter Bierbaumscher Humor. Nur muß man das Wort wohl etwas tiefer zu nehmen beginnen, als man es bisher tat oder tun dürfte. So ist der Humor der »Yankeedoodle-Fahrt« wenn auch nicht bitter, so doch bittersüß. Aber sauer sind die Früchte von diesem Baume nie; Sonne und Leben hat sie gereift, es sind Sonnenfrüchte.


Im Frühjahr 1910 sollte außer dem Romanfresko »Die Päpstin« eine Novellensammlung »Die Schatulle des Grafen Trümmel« erscheinen, für den Herbst hatte Bierbaum die Veröffentlichung einer großen Selbstbiographie geplant. Er hat die Drucklegung dieser Werke ebensowenig erleben sollen wie das Erscheinen seiner »Reifen Früchte«, auf die er sich so gefreut hatte. Sein letztes abgeschlossenes Werk ist eine Dichtung für die Bühne; das mit Königsbrun-Schaup zusammen gearbeitete Stück führt den Titel »Fortuna. Abenteuer in 5 Akten« und wird noch in diesem Jahre zur Aufführung gelangen.

»Aus den letzten Ernten …«, so sollte es im Titel der »Reifen Früchte« heißen, dessen originelle Fassung des Dichters eigene Idee war; so war es – schon im Herbst 1909! – überlegt. Wer hätte gedacht, daß es wirklich letzte Früchte sein würden? Im Dezember vorigen Jahres warf ein chronisches Nierenleiden den Dichter auf das Krankenlager, von dem er sich, allem Sträuben zum Trotz, nicht wieder erheben sollte, obgleich sein Zustand sich vorübergehend gebessert hatte. Ein Brief, den ich am 2. Februar frühmorgens von seinen Angehörigen aus Dresden erhielt, klang sehr besorgt. Doch fielen mir allerlei Sätze aus seinen eigenen letzten Briefen ein, kraftstrotzende, von reifem Lebenssinn und unverwüstlicher Daseinsfreude getragene Gedanken. Und wie ich alle Bedenken und alle Sorge um den kranken Freund mit dem gleichen Optimismus zu verscheuchen suche, bringt der Telegraph die Trauerkunde: Otto Julius Bierbaum ist gestern abend im Alter von 44 Jahren an Herzlähmung gestorben …

Nun ist der Mund, der so lustig plaudern und so herzhaft lachen konnte, für immer verstummt, wir werden seine Stimme nie mehr hören. Und wir hadern mit dem Geschick und können es nicht fassen, daß es gerade diesem Manne die Feder aus der Hand winden mußte, dem unermüdlichen Apostel der Schönheit, Freiheit und Freude. So steht sein Bild kraftvoll und edel neben dem seines Freundes Detlev, für den er immer so tapfer in die Bresche gesprungen war, getreu dem schönen Spruche, mit dem er mir, drei Tage vor seiner Erkrankung, sein herrliches Liliencron-Buch sandte:

Wer sich für andre nicht erhitzen kann,
Der ist vielleicht ein kluger Mann:
Er wahrt sein Feuer
Und wärmt sich seine Hände dran.
Mir war bei solcher Klugheit nie geheuer.
Ein rechtes Herz brennt unklug lichterloh.
Und seine Flamme sieht sich schöner an,
Als der Bedachtheit glimmend nasses Stroh.