Da ergrimmte der Herr, nach des Mönchs Bericht, in großem Zorne und stieß mit seinen Händen das Malgerüst um, auf dem Samalio Pardulus stand, daß es ihn unter sich erschlug, und sprach: Talem perpetrat verdictam, qui per ipsam perdit vitam.


Hat dieser Johannes seinen Jesus recht gekannt? Hat er um den Maler Bescheid gewußt? Nein: er wußte weder von Gott noch von der Kunst.

Die Geschichte von Samalio Pardulus nach den Quellen und nach dem Geiste ist so:

Ja: Er war ein wildhäßlicher Mensch: über die Maßen lang und dürr, dazu schiefschulterig und lahm; und hatte einen lächerlich spitzen Kopf voll krausborstiger schwarzer Haare, die bis tief in die faltige Stirn hineingewachsen waren; aber keinen Bart um die schmalen, gleichsam verwelkten Lippen, und auch die gelben, schlotterigen Wangen waren ganz bloß, wie bei einem Kinde. Dafür lagen wie zwei dicke Raupen, die sich ineinander verbissen haben, dichte, stachelige Brauen über den kugelig hervorstehenden braungrünen Augen, und seine knochigen, langen Hände waren dicht behaart. Auch aus den viel zu großen und abstehenden, dabei pergamentfarbenen Ohren wuchsen Haarbüschel heraus, und nicht minder aus den abscheulich weiten Öffnungen der Nase, die im übrigen übermäßig lang und an der Spitze schnabelartig überhangend war. Ein Roßmensch war er aber nun doch nicht und lebte auch nicht eigentlich im Walde, sondern in einer der Burg an Burg, Turm an Turm wie aus Zyklopenquadern zusammengehäuften Städte des Albanergebirgs: zu jener Zeit, da es niemals Frieden gab, sondern immer der Krieg den Rachen offen hatte, sei es, daß unter den Geschlechtern Streit war, oder zwischen diesen und den Bürgerlichen.

Indessen lebte man darum keineswegs traurig, sondern, ob auch in steter Unsicherheit, mutig, ja lustig dahin, immer darauf gefaßt, dem Leben schnell Lebewohl sagen zu müssen, aber entschlossen, bis zum Ende des großen Abenteuers frisch und derb zuzulangen nach allem, was Gott oder Teufel auftafelte. Zwischen Laster und Tugend, Tod und Wollust, Kampf und Schmaus aber gingen in Kapuzen und Sutanen Mönche und Priester dunkel umher und hatten für alles ihre lauten und leisen Worte, und in den Kirchen knieten Freund und Feind nebeneinander, mit den Nüstern schwülen süßen Weihrauch atmend, mit den Ohren Geheimnisse vernehmend aus herrischen, aber wie auf Wolken göttlicher Verheißung schwebenden Tönen, und mit den Augen umfangend die königlich strenge, jedoch auch mütterliche, jedoch auch bräutliche Schönheit der goldumloderten Madonna.

Samalio Pardulus, seinem eigentlichen Namen nach der Sproß des ältesten und mächtigsten Geschlechtes der Stadt, das sich auf altrömischen Ursprung zurückführte, war weder bei den Rittern noch bei den Geistlichen, weder bei den Kämpfen noch bei den Schmäusen: war auch in der Kirche nicht zu sehen. Er nahm nicht teil am Leben seiner Tage, war im Gefühle tot für alles, was jenen Menschen Glück oder Unglück hieß. Und hatte auch nicht Freude an sich selbst.

Kannte nur eine Lust: allein zu sein und um sich herum eine neue Welt zu bilden aus Gestalten seiner Einbildung, der eine starke Kraft zu Gebote stand, sich in Bildern darzustellen.