Das Handwerk hatte er von einem Manne aus Florenz gelernt, der, aus der Heimat um Parteifeindschaft willen vertrieben, der Geheimschreiber seines Vaters geworden war: ein schweigsamer Mensch, dessen Augen voller Klage und Heimsucht waren. Was dieser mit Pinsel und Farbe vermochte, hatte er auch bald vermocht. Aber er wollte mehr. Denn jener, der das Malen nur erlernt hatte, um sich, da er noch reich und ein großer Herr gewesen war, müßige Stunden zu vertreiben, malte nur, was die Meister seiner Vaterstadt schon einmal gemalt hatten, und er gedachte gar nicht, es ihnen gleich zu tun, oder gar mehr als sie. Indem er malte, dachte er an Florenz und schuf sich ein blasses Abbild des Schönen, daraus er vertrieben worden war. Samalio Pardulus aber (wir wissen nicht, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hat) hatte keine Kunst fremder Meister gesehen (denn die schlechten Bilder in den Kirchen und Häusern seiner Stadt waren nicht meisterlich), und so gedachte er an nichts Fremdes: nur an das, was in ihm selber war und das er innerlich sah als etwas ganz ihm Eigenes, nicht zugespiegelt aus fremder Kunst, am wenigsten der seines Lehrers. Seine innerlichen Gesichte aus sich herauszustellen, die schwankenden fest, die verwehenden dauerhaft zu machen, war sein Begehren.
»Daß ich Genossen hätte, male ich,« sagte er einmal zu seinem Lehrer, »ich male, daß ich nicht ganz allein sei. Könnte ich nicht malen, so würde ich mit Huren Kinder machen: aber mit den schamlosesten und wüstesten. Ja mit Tieren, wenn es die Natur zuließe. Nur, daß ein anderes Volk um mich herum wäre als dieses, das mir greulich fremd ist.«
Messer Giacomo, der weder solche Worte vernommen, noch Bilder gesehen hatte, wie die seines wüsten Schülers, und dem es eine Art schreckhaften Ergötzens war, in der Langenweile seiner Verbannung sich mit dem »mostro« zu beschäftigen, schrieb in seinem (übrigens langweiligen, weil gar zu eintönigen) diario, das man später im Archive des Schlosses Certaldo alto aufgefunden hat, als das alte Gemäuer in den Besitz des Staates überging, getreulich alles auf, was er »nella selva«: im Walde draußen beim »centauro«, wie er seinen Schüler nannte, sah und hörte. Es scheint, daß er später in seine Heimat zurückgekehrt ist und in jenem Schlosse zwischen Florenz und Siena seine Tage beschlossen hat. Unter den über dem Schloßportale heute noch sichtbaren Wappen der verschiedenen Geschlechter, die einander im Besitze von Certaldo alto folgten, befindet sich auch das seine. Weiter wissen wir nichts von ihm. Wenn aus dem übrigen seines Tagebuches nicht hervorginge, daß er ein grundnüchterner Mann gewesen ist, der sich nicht mit Phantasiebeschäftigungen abgab, sondern, seine kleine Pinselliebhaberei abgerechnet, ganz in den realen Interessen aufging, die ihn zum tätigen Parteimann machten, so könnte man glauben, er habe sich diesen Samalio Pardulus erfunden, gewissermaßen, um sich auch als Poeten zu versuchen. Aber die Art, wie er den Äußerungen des seltsamen Menschen (gemalten wie gesprochenen) immer den Kommentar eines unerschütterlich mittelmäßigen Besserwissertums und biederer Philistrosität anhängt, läßt diesen Verdacht nicht aufkommen. Wir dürfen, wie wunderlich auch das meiste erscheinen mag, was er berichtet, mit Sicherheit annehmen, daß der Herr von Certaldo alto den »Zentauren« wirklich und leibhaftig gekannt, jene wilden Bilder gesessen und alle die Worte vernommen hat, die er, stets mit Äußerungen des Entsetzens, mitteilte.
Wir folgen seinen Aufzeichnungen in allem wesentlich getreu und nehmen nur da das Recht in Anspruch, aus seinen tadelnden Kommentaren das Bild des »Scheusals« in einem Sinne zu ergänzen, der mit Messer Giacomos Meinungen nichts gemein hat.
Einiges sei in wörtlicher Übertragung hergestellt. So, was der Toskaner über Samalios Kunst und Wesen im allgemeinen sagt: »Es ist ein sonderbares Ding um die Kunst dieses ungebärdigen Menschen. Sie ist voller Lästerung des Lebens, das in ihr nicht von Gott zu sein scheint, sondern vom Teufel. Malt er den Wald (wie er insonders gerne und nicht ohne Geschick tut), so ist es, als ob die Bäume ein jeder dämonisch besessen wären; kein Pflanzenwesen, sondern ein Tier, und alle zusammen sind wie eine Versammlung von Gespenstern, daß man sich fürchtet, in das Dunkel hineinzusehen, das wie aus ihnen innerst herauskommt: aber nicht schwarz, sondern bräunlich. Er hat, genau wie sie um sein Kastell im Felsgebirg stehen, Pinien gemalt, als welche doch freundliche Bäume sind, von edler Liniatur und eigentlich wohltätig, da sie von oben Schatten geben, aber, des fehlenden Unterästichts halber, der Luft den Weg nicht sperren. Bei ihm aber sind sie Ungetüme, die mit borstigen Schädeln widereinander rennen. Nicht so, als ob er ihnen Gesichter malte. Das wäre am Ende lustig. Sondern es sind Schädel von Riesen, die noch niemand sah, von Riesenwesen aus Baumart und doch tierisch. Sie sind bös und alle untereinander feind. Es ist, als ob sie sich gegeneinander stemmten mit diesen wilden Köpfen, daß sie so, ihre Kräfte vereinigend, mächtig würden, ihre Stämme aus dem Erdreich zu reißen. – Nicht anders macht er es mit Tieren und Menschen. Gott schuf sie, wie wir alle sie sehen. Dieser Ungestalte bildet sie ungestalt. Seine Pferde sind langhaarig wie Ziegen, und man möchte zugleich glauben, daß sie auch von Ebern stammten. Nie malt er sie anders als rot und schwarz gefleckt. Doch eine Schimmelstute hat er gemalt, das schamloseste, das je erdacht worden ist: ein Pferd mit Menschenhaut, ganz ohne Haar, bis auf eine Stelle, die er zum Mittelpunkte des Bildes gemacht hat. Das Tier, das Menschentier, biegt den Hals in einer schmerzhaft-unmöglichen Linie um und wendet so dem erschreckten Betrachter seinen Kopf zu, der zwar der Kopf eines Pferdes ist, aber so mit den Zügen eines Weibes vergattet, daß man die Augen niederschlagen muß. Denn es lacht auf eine schändliche, buhlerische und doch höchst klägliche Art. Es hat entzündete blaue Augen. Dafür hat er ein Weib gemalt mit dem Fell einer blau und schwarz gestreiften Katze. Dieses Weib reitet auf einem Manne, der das Zottelhaar eines weißen Schäferhundes hat und vorstehende Raffzähne gleich dieser Hundeart. Es reitet verkehrt auf ihm, sich mit beiden Händen an die buschige Rute ankrallend. Und der Hund-Mann hebt den Kopf nach Art eines heulenden Rüden, der die Matz wittert.
Fragte ich ihn, was alles dies bedeute.
Antwortete er: »Nicht weniger und nicht mehr als das, was eure Welt ist: meine.«
Sagte ich ihm: »Das heißt Gott höhnen.«
Antwortete er: »Niemand höhnt Gott mehr, als Gott sich selber verhöhnte, wie er den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf. Schaut mich an und sprecht: Sieht so Gott aus?«