Und sprach: »Höret nur weiter! Es ist nicht gut, die Wahrheit halbet zu vernehmen. Auch ist nicht gottlos, was ich Euch sage. Denn seht: ob Gott auch tot ist: die Welt ist dennoch göttlich, da sie von ihm ist. Zwar sind die Kreaturen nur Würmer, die von seinem Tode leben, aber es ist doch göttliche Nahrung, die sie erhält.«
Ich raffte mich auf und verwies ihm sein Gerede, indem ich ihn einen heidnischen Sophisten hieß.
Er schüttelte den Kopf: »Was mich von Eurer Art Christen unterscheidet ist nur, daß ich von Gott einen zu göttlichen Begriff habe, um vermeinen zu können, daß diese langweilige Welt des ewig Gleichen sein Leben umfassen oder ausdrücken könnte. Ich denke von Gott so hoch, daß mir sein Totes noch göttlich genug deucht für unsereins, ja als das einzig Göttliche, das wir vertragen können. Gott und Welt: Einsamkeit und Leben verträgt sich unmöglich. Und seht doch: Ist das nicht christlich gedacht, daß er für uns starb? Und was sage ich mit den Würmern anders als dies: daß er uns die Erbsünde vermacht hat?«
»Ihr spottet,« rief ich laut, »und spottet Euch um die ewige Seligkeit!«
»Damit ist es freilich nichts,« sagte er ernsthaft, »denn Gott hat sie selber aufgegeben: auch er vermochte es nicht, sie zu ertragen. Das war ja seine Not, die ihn zu sterben, als Gott zu sterben und im Gewürme weiterzuleben zwang. Die große Not der Langenweile war es. Jetzt ist er ihrer ledig. Der tote Gott vergnügt sich in der Vielheit von Fratzen, in denen er lebt: und wenn es auch gewiß ein zorniges Vergnügen ist, so ist es ebendarum göttlich. – Hier, bei mir (er wies um sich), hier in mir (er schlug sich auf die Brust) ist ihm am wohlsten. Denn meine Welt ist nach seinem Rezept gemacht, und ich sterbe gleich ihm einen Tod der zornigsten Not.«
Indem er dieses sagte, war mir, als ob in seinen Augen etwas glömme: ich weiß nicht, war es Wahnsinn oder Begeisterung.
Die Madonna sei ihm gnädig! Er spricht nie von ihr, und, ob er sich mit seinem Malgeräte auch an allem vergreift, was uns heilig, ihm aber nur ein Anlaß zu schändlicher Fratzerei ist: sie malt er nie.«
Das Kastell, in dem Samalio die meisten seiner Tage und Nächte verbrachte, lag abseits der Stadt auf gewachsenem Fels, in den Terrassen eingehauen waren. Aber bis nahe dorthin, wo der Stein sich nackt emporhob aus dem Erdreich, stand starker Wald: Steineichen, Pinien; auch Zypressen und Kastanien. Es waren mächtige, herrische Bäume, die es nicht duldeten, daß Kleines neben ihnen aufkam. Nur der Blitz durfte die Riesen fällen oder das Alter. Dann wuchs aus ihrer Fäulnis das Neue. Es gab allerlei wildes Getier dort: vornehmlich Wildkatzen und Luchse, am allermeisten aber Geier und Eulen. Nachts, so berichtet der Toskaner, war es lauter um das Schloß, als bei Tage. Denn, so sagt er: »Da es dunkelte, wachten die Räuber auf, denen tagsüber selbst der finstere Wald zu helle war, und riefen einander oder kreischten auf beim Mord: der Luchs, heulend wie ein Wolf, der rote Wildkilling, tückisch jaulend; aber am fürchterlichsten die große Ohreule mit ihrem tiefen u-hu, das wie Klage tut, aber Blutgier ist.«