Doch behagte gerade dieses Nachtkonzert der Unholde dem Mißgestalteten, der von sich behauptete, gleich Luchsen, Katzen, Eulen nachts besser zu sehen als bei Tage, weshalb er sich erst bei Tagesgrauen zur Ruhe begab und bis zum hohen Mittag schlief.
»Die braune Nacht,« so sagte er, »hat tiefere Farben, als der milchige Tag. Sie schillert nicht, sie glüht. Ihr Braun ist eigentlich altes Gold, gemischt mit dem Rot geronnenen Blutes. Auch ist ein tiefes Veilchenblau dabei. Zuweilen haben alle Konturen tief purpurne, zuweilen tief orangenfarbene Lichtabgrenzungen. Auch Schatten gibt es noch in der dunkelsten Nacht: sie sind das Wunderbarste an Farbe; aber auf der Palette gibt es dieses Braun der tiefsten: ganz schon geistigen Tiefe nicht. Es ist, als ob die Nacht dieses Braun träumte.«
Er malte nur in diesen, nur von ihm gesehenen Nachtfarben, und so darf man es dem Toskaner glauben, daß Samalios Bilder waren »wie aus einer anderen Welt, die das Licht nicht von unserer Sonne hat: man mußte glauben, sie hatten es aus den Augen dieses Nachtmenschen, der, obzwar bei Tage (doch nur in der Dämmerung) malend, immer nur nächtige Bilder schuf, als ob es keinen Tag gäbe. Indessen waren unter seinen Tafeln solche, in denen eine unbeschreibliche dunkle Glut bebte, vergleichbar dem Lichte, das in manche Edelsteine eingeschlossen zu sein scheint, die noch im Finstern leuchten.«
Danach könnte man meinen, daß Messer Giacomo die Bilder Samalios in den Farben schön gefunden habe. Doch weit gefehlt. Er nennt ihre Farben bald »höllisch«, bald »grausam«, dann einmal »blutrünstig«, wieder einmal »schändlich geil«, einmal sogar »himmelschreiend bäuerisch und barbarisch, ohne jedes Gefühl für Feinheit und Würde«. Sie »tun dem gebildeten Auge weh und rufen Angst und Schrecken hervor, anstatt daß sie erheitern«.
Der Toskaner hatte von sich aus zweifellos recht, aber ebenso zweifellos ist, daß Samalio nicht gemalt hat, um Messer Giacomo zu erheitern. Es lag ihm nicht einmal daran, daß der Herr von Certaldo alto sie ansah. Wir wissen es von diesem selbst, daß er stets ungeladen das Kastell besuchte. »Ritt wieder einmal zur Zentaurenburg, um mir die Grillen zu vertreiben. Wurde übel empfangen, sah aber doch Neues. Wie immer: Greuel über Greuel. Die große Tafel aber will er noch immer nicht zeigen.«
Von dieser wird noch zu handeln sein.
Vorerst möge aus des Toskaners Aufzeichnungen zusammengestellt werden, was etwa weiter dazu dienen kann, uns einen Begriff vom Wesen und Leben dieses wunderbaren Menschen zu vermitteln.
Aus diesen Notizen fügt sich das Bild eines Précurseurs des Rinascimento, jedoch ohne die bewußte Tendenz zur Antike.
Alle geistigen Strömungen bereiten sich vor: versuchen sich gewissermaßen in unzeitgemäßen einzelnen. Ehe sie zum Schicksale einer Zeit: ehe sie Epoche werden, treten sie gewissermassen als Ferment in den Schicksalen einzelner auf, die damit zur Einsamkeit verurteilt sind und, meist ohne jede sichtliche positive Wirkung, eine Bestimmung erfüllen, deren Sinn wir nicht begreifen.
Er hat dies selbst gefühlt. Eines Abends sagte er zu seinem Lehrer, der ihm berichtet hatte, daß das Volk ihn für einen Zauberer hielte: »Bin ich etwa keiner? Lebe ich nicht das Kommende voraus? Ist es nicht Zauberei, daß ich bin, als wäre ich mein Urenkel?«