»Wie das?« fragte der Toskaner.
Und Samalio antwortet: »Jeder von Euch hat den Glauben des anderen; jeder von Euch ist Nachbar: Stütze und gestützt; keiner von Euch ist frei: eine Kraft für sich. Ihr seid alle durcheinander bestimmt und findet das füglich. Selbst die gewalttätigen, die sich Herren heißen, handeln mit Rücksicht auf andere, sei es auch nur, daß sie über andere herrschen wollen. Für mich gibt es keine anderen. Ich kenne Euch nicht. Ich kenne nur mich. Ich bin so weit von Euch entfernt, wie von den Menschen, die den Turm von Babel bauten. Ich habe einmal davon gehört (als ich ein Kind war), daß es Menschen gibt außer mir, aber ich habe einsehen gelernt, daß das ein Irrtum ist. Dieses Märchen ist nur wahr für die, die keine Wirklichkeit in sich haben. Wer sich begriffen hat, weiß, daß er allein ist.«
»Als ich dies hörte,« fügt hier der Toskaner bei, »war mir einen Augenblick wahrlich zumute, als sei dieser Wahnsinn Wahrheit. Daran waren die (Gott verzeih' mir die Sünde) verfluchten Augen des Scheusals schuld, deren Blicke mich wie glitzernde Fäden umspannen. Ganz sicherlich: er ist mit dem Bösen im Bunde. – Aber ich machte mich frei und rief: Wie? Denkt doch an Euren Vater, an Eure Mutter!«
Darauf hat Samalio erwidert: »Vater und Mutter sind nicht außer mir, sondern in mir, und nicht nur sie, sondern alle, von denen sie gekommen sind. Und nicht nur die, sondern alle Menschen, die je waren. Dies eben ist es, Mann: wer wirklich Einer ist, ist Alle, – und braucht darum Keinen.«
Trotzdem berichtet Messer Giacomo, daß Samalio »von einer entsetzlichen Liebe« geplagt worden sei.
»Alle wissen es,« schreibt er, »und alle verabscheuen ihn darum noch mehr als um seiner Scheußlichkeit willen: daß er in unziemlicher Liebe entbrannt ist gegen seine leibliche Schwester Bianca Maria, die so schön, wie er häßlich ist. Sie wäre wert, daß man nach ihrem Antlitz die Madonna malte, denn auf ihm ist alle Holdseligkeit und Schöne vereinigt. Zweierlei nimmt mich wunder: daß diese beiden Geschwister sind, und daß er, das Ungetüm, es wagt, seine Blicke zu ihr zu erheben, deren Schönheit ihn, meine ich, doch eher mit Haß und Neid erfüllen müßte. Gepriesen sei Gott, daß das engelhafte Mädchen ihn verabscheut. Man sagt (und ich erachte es nicht für unmöglich, obwohl es nur ein Gerede ohne sichern Anhalt ist), daß er sie nachts in ihrer Kammer überfallen habe: doch ohne seinen nichtswürdigen Zweck zu erreichen, denn sie habe ihm mit dem großen Kruzifix, das über ihrem Bette hängt, einen Streich quer über die Stirne versetzt, wovon er (was ich selber wohl gesehen habe) eine tiefe Wunde davontrug. Und folgenden Tages (was wiederum zutrifft) sei er aus der Stadt gewichen, und seither rührt sein dauernder Aufenthalt draußen im Walde. Sie aber ist seitdem verzagt und seltsam schüchtern, derart, daß sie aller Männer Antlitz flieht; und hat sich ohne Widerrede auf Geheiß ihres Vaters einem Edelherrn aus der Nachbarschaft verlobt, dessen Antrag sie vorher zurückgewiesen.«
Es findet sich (begreiflicherweise; denn darüber hat Samalio sicherlich nie gesprochen) in dem Tagebuche des Toskaners keine Äußerung des Malers über seine Schwester. Doch ergeben sich bei genauerem Zusehen Zusammenhänge, die dem Berichterstatter offenbar nicht zum Bewußtsein gekommen sind.
Wir finden folgendes: »Fragte ich den Zentauren, warum er nicht die Madonna malte.«
Antwort: »Weil es unmöglich ist.«
Wiederfrage: »Haben es doch schon Tausende getan?«