Hätten sie Schulbildung genossen gehabt, so würden sie sich ohne weiteres haben sagen müssen, daß das so auf die Dauer nicht fortgehen konnte, und daß sie sich mit einem solchen Betragen für alle Zeit in der Weltgeschichte ein miserables Renommee schaffen mußten. So ist es auch gekommen. Die Tugend hat gesiegt; überall herrscht Ordnung und Gesetz; jede Körperverletzung wird unnachsichtig bestraft; wer seinen Mitbürger an seinem Eigentum schädigt, kommt, mit oder ohne Wappen, hinter Schloß und Riegel: und die ganze gebildete Menschheit hat alle Ursache, jene abscheulichen Zeiten höchst verächtlich zu finden, mit sich aber sehr zufrieden zu sein.

Nur Degenerierte und Dichter (was auf eins hinausläuft) sind imstande, an diesem Chorus der Freude nicht mit teilzunehmen. Sie allein vermögen es auch, dem Raubrittertume noch einigen Geschmack abzugewinnen.

Es muß da irgendeine Verwandtschaft bestehen. Vielleicht war das Raubrittertum eine Art angewandter Lyrik? Vielleicht ist Lyrik eine Art verhindertes Raubrittertum? Wie es auch sei: dem tüchtigen Bürger sind beide gleich unsympathisch, und dieser Umstand beweist allein schon, daß sie irgendwie zusammengehören.

Da mir an meiner Reputation gelegen ist, und da ich nicht wünsche, daß die Geheimrätin X. und der Schuhmachermeister Y. sich darauf einigen, mich für einen verspäteten Raubritter zu halten, darf ich nicht unterlassen, hier zu erklären, daß ich nicht zu jenen Raubritterpoeten gehöre, daß ich, wie sehr auch der Anschein gegen mich sprechen mag, im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte bin, und daß ich mit der kleinen Geschichte von Annemargret und den drei Junggesellen keineswegs das abscheuliche Ziel verfolge, zum Mädchenraub aufzufordern.

Diese Geschichte ist vielmehr durchaus moralischer Natur und beweist aufs klarste, daß das Mittelalter wirklich finster war.

Stellen Sie sich vor, sie spielte nicht damals, sondern heute. Würde sie mit Mord und Totschlag endigen? O nein! Es gäbe ein niedliches kleines viereckiges Verhältnis; nichts weiter: wie es sich für anständige junge Leute aus guter Familie ziemt, schickt und paßt.

In Wahrheit hat sie sich auch so begeben, und Annemargret fährt heute auf Gummirädern. Ich habe sie erst gestern Unter den Linden gesehn.

Seien wir stolz! Seien wir heiter! Es lebe die Aufklärung.