Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, daß es im Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn Annemargret war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht überlegen. Vielleicht machte sie den Braten nicht gerade besser als die am Bratspieß selig Entschlafene, aber, daß er besser schmeckte, daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten, kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist.
Vielleicht war Barbara das bessere Gemüt, die frommere Seele gewesen: aber so aufbetten wie Annemargret hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen, das Leintuch glattgebreitet wurde – wenn nur immer der Schlaftrunk handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich gefallen ließ, daß die Lederwämse Nähte in den Wolfsturmschen Farben, blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms waren. Annemargret hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen lassen – lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte.
Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime wirklich behaglich fühlte.
Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber unentbehrliche Mädchen.
Da Annemargret die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war, eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgendeinem Herzoge drohte, der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargret selber recht schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen angeborenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden, sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das Wolfssturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu versprechen, zu verheißen und zuzusagen.
Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch, daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein, Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitige – womit denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent nicht mehr existierte.
Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber.
Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie Mandelöl.
Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen.
Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere Hantierung.