Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf, der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber – sang.
Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen, gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab.
Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walter von der Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Bein. Doch gehörte das eine Beinpaar der Annemargret. Auch dichtete und sang er in dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit dienlichen Stellen, Gleichklangsstudien unter Zugrundelegung des Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen.
Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin von Wolfsturm klarzumachen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit Wölfen und Bären Stelldicheins hatten.
Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch, in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns Hirschen lüstete.
Derlei Reden, hin und her geschleudert wie Jagdspieße, trübten den Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargret so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen geblieben.
Aber, ei, wie war Margretlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn die anderen draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war.
Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefüge Ding im Arm, das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und flüsterte: »Lieb's Welfle du, was bist du stark!«
Ralph aber kriegte sein Teil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort, wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen, saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang, wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist du g'schmeidi!«
So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margretenkorbe und lachte heimlich die anderen aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner wußte, daß ein Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin es nur einzuteilen weiß.