Yankeedoodle-Fahrt.[1]

[1] Kapitel 1 und 2 des gleichnamigen Abschnittes aus »Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten«.

I.

Vom Nervenseiltanzen und Tunnelfahren, vom schwimmenden Hotel und dem Geflügelhofe, von Lyrik, Meer und Himmel.

Als ich so außer mir geraten war, daß ich mich selbst mit fatalster Deutlichkeit betrachten konnte, fühlte ich das Bedürfnis, wieder zu mir selber zu kommen. Aber es ist schwer, in sein Ich zurückzukriechen, wenn man es einmal verlassen und dann allzuscharf von außen angesehen hat. Ich fuhr um mich herum wie eine vergiftete Maus, die ihr Loch nicht findet und dennoch immerzu dies Loch umkreist. Ein schauderhaftes Heimweh und ein Grauen vor der Rückkehr zugleich. Selbst meinen verehrtesten Feinden wünsche ich diese Sensation nicht, obwohl es mir nicht zweifelhaft ist, daß sie, deren Oberflächlichkeit mir in der Tat manchmal Übelkeit verursacht hat, ein bißchen Seelenqual zu ihrer Vertiefung wohl brauchen könnten.

Da sprach ein weiser Arzt und Seelenkenner also auf mich ein: Sie gehören zu jenen Akrobaten, die auf ihren eigenen Nerven seiltanzen und dadurch gezwungen sind, immerfort einen Punkt im Auge zu behalten, der in ihnen selber liegt: nämlich im eigenen Gehirne. Das tut weder den Nerven noch dem Gehirne gut und ist überdies eine brotlose und lebensgefährliche Kunst. Wenn Sie nicht binnen kurzem augenscheinlich verrückt werden wollen (denn eine heimliche Verrücktheit ist Ihr Zustand bereits), so ist es nötig, daß Sie unverzüglich eine breitere Basis zu gewinnen suchen, um von ihr aus Ihre Blicke in einem möglichst weiten Gesichtskreis umherschweifen zu lassen. Sie sind außer sich, weil Sie so sehr in sich sind. Das vertragen nur Heilige und Sie würden sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben, wenn Sie meinen wollten, daß Sie zur Heiligkeit angelegt wären. Dazu sind Sie zu korpulent und libidinos, – wohl auch nicht unbescheiden genug. Leute Ihrer Konstitution sind darauf angewiesen, die Welt auf sich wirken zu lassen. Ihre Empfindlichkeit sträubt sich dagegen, und es ist gewiß, daß Sie unter den nicht immer zarten Fingern der Welt leiden, aber dieses Leiden ist immer noch heilsamer für Sie, als die selbst bereiteten Schmerzen der Heautontimorumenie. Ich rate Ihnen: Kaufen Sie sich einen Schiffskoffer und stellen Sie Amphitriten auf die Probe. Ihre Zukunft liegt auf dem Wasser, das Salzgehalt und im Salze Brom hat. Speien Sie sich einmal kräftig aus und trinken Sie so viel Sonnenlicht als möglich. Aber, ich beschwöre Sie, lassen Sie alles Schreibgeräte zu Hause, denn, unter uns gesagt, der Federhalter ist die gefährliche Balancierstange, mit der Sie sich bisher auf dem Nervenseile im Gleichgewicht erhalten haben.

Ich honorierte diese Invektionen mit zwanzig Franken und einem müden Lächeln, nahm den breitbeinigen Gang eines alten Seekapitäns an und versetzte meine ahnungslose Frau in das äußerste Erstaunen durch Intonierung des Liedes:

Auf, Matrosen, die Anker gelichtet,
Den Kompaß gespannt und die Segel gerichtet!

Ihre Bemerkung, daß der Kompaß keine Flinte sei, die man spannen könnte, wies ich mit der Entgegnung zurück, daß nautische Details uns bald mehr als genug beschäftigen würden, einstweilen aber Wichtigeres zu erledigen sei: nämlich die Frage, ob man auf eine moderne Seereise einen Frack oder bloß einen Smoking mitnehmen müsse.