Klug und vorsorglich, wie sie ist, entschied sie sich für beides, ja sie wollte sogar, daß ich auch einen Zylinderhut mitnähme. »Wahnwitzige Idee!« grollte ich; »dir fehlt jedes Stilgefühl. Eine schottische Mütze oder ein Dreimaster, – ja; niemals eine Tube!«

Am entsprechenden Orte wird es sich zeigen, wer von uns beiden auf der Höhe der Situation gewesen ist.

Da es uns vollkommen gleichgültig war, wohin wir reisen würden (denn ich hatte ja lediglich das Gebot erhalten, eine Seereise »an sich« zu machen), überließen wir es einem Freunde, Schiff und Ziel zu bestimmen. Er sandte uns eine Kabinenkarte für den Doppelschraubendampfer Yankeedoodle, den die berühmte Onkel Sam-Michel-Linie eben zu einer Orientreise in Genua bereithielt. Ein beigeschlossenes Druckheft schilderte die ganze Reise in äußerst lebendigen Farben, so daß mir sofort ganz orientalisch zumute wurde, als ich las, was alles uns bevorstand.

»Kein Zweifel,« sagte ich zu meiner Frau, »es wird äußerst lehrreich werden. Schade nur, daß wir uns nicht länger auf die Reise freuen dürfen, denn das ist doch das Schönste am Reisen: sich vorher darauf zu freuen.«

Aber es half nun nichts: kaum, daß die Koffer gepackt waren, mußten wir uns in den Dampfwagen setzen, der uns nach Genua transportierte. Meine Idiosynkrasie gegen das Eisenbahnreisen gestaltete diese Fahrt zu einer via crucis, an die ich nur mit Grauen denken kann. Kein Zweifel: ich bin ein arger Sünder, aber so viele Todsünden habe ich denn doch nicht begangen, daß ich die Höllenqualen verdient hätte, die mir in den endlosen Tunnels an der Riviera zuteil wurden, wo rechts und links des Gleises offenbar teuflische Dämonen aufgestellt waren, die, während ich in stinkendem Qualm fast erstickte, mit eisernen Hämmern gegen eiserne Wände zu schlagen schienen. Nun: wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt, und es ist gewiß in der Ordnung, daß Nerven, die für angenehme Sensationen besonders empfindlich sind, dafür um so heftiger unter unangenehmen leiden. Sela.

Das Gedröhne einer Kesselschmiede in den Ohren, die Lungen voller Ruß und im Schädel ein Gefühl, als seien sämtliche Gehirnwindungen mit flüssigem Blei angefüllt, begab ich mich mit meiner Frau in das berühmte Theater Carlo Felice, aber beileibe nicht, um uns Tristano e Isotta italienisch vorspielen zu lassen, sondern von wegen der exzellenten Küche seines Restaurants. Doch wurde uns auch hier ein außerordentliches Schauspiel zuteil: wir sahen einen jener italienischen Eßkünstler, die den illustren Fressern der Antike nichts nachgeben. Was dieser überlebensgroße Bauch sich alles servieren ließ, und mit welch andächtigem Kennerentzücken er seine Füllung zu einer Art gottesdienstlichen Handlung erhob, läßt sich in Kürze und auf Deutsch nicht schildern. Es muß genügen, zu sagen, daß es ein klassisches Schauspiel war, würdig, von einem Petronius der Nachwelt überantwortet zu werden. Denn es läßt sich von derart großen Gegenständen wohl nur in monumentaler Latinität handeln.

Als ich am nächsten Morgen den Yankeedoodle vor mir liegen sah, wie er unabsehbare Massen von Koffern und Menschen in sich aufnahm, mußte ich an den gewaltigen Speisevertilger denken, und so erübrigt es sich, zu bemerken, daß Yankeedoodle ein imposantes Schiff ist.

Wir wurden tief unten in seinem Innern verstaut und fühlten uns sehr winzig. Dafür erfüllte uns aber sogleich eine sehr gewisse Zuversicht zu dem massigen Zweischlöter. »Ich glaube kaum, daß wir mit dem Yankeedoodle untergehen werden,« sagte ich zu meiner Frau; »ja selbst meine Hoffnung auf ausgiebige Seekrankheit ist bereits ins Wanken geraten.«

»Und mir ist schon übel,« entgegnete sie.

Dabei stand das Schiff fest wie ein Turm.