Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhin angestellten Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte prüfen können und was sich daraus auf die übrigen schließen ließ. Seit achtzig Jahren hatte, das war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das Kirchendach keine umfassendere Reparatur erfahren. Wenn auch die Schieferdecke bei gutem Material noch weit länger den Elementen trotzt, ist das doch nicht mit den Nägeln der Fall, mit denen die Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und wo er geprüft, hatte er die Nägel zum Teil völlig zerstört, zum Teil der völligen Zerstörung nahe gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles Pultdach; da die Nägel ihre Schuldigkeit nicht mehr taten, hatten sich viele Platten verschoben und der Nässe das Eindringen gestattet; dort zeigte sich, selbst wo sie von Eichenholz war, die Belattung und Verschalung gänzlich morsch; und solche Stellen waren überall.

Es zeigte sich unumgänglich notwendig, die ganze Bedachung umzudecken und die Belattung und Verschalung der morschen Stellen durch neue zu ersetzen. Ein Winter noch mußte den Zustand um weit mehr verschlimmern, als durch Verzögerung der Reparatur an Zinsen gespart wurde; denn diese konnte man ohne den größten Schaden doch nur höchstens bis auf das nächste Jahr hinausschieben. Er führte die Versammelten an Stellen, die zum Belege dienen konnten. Er zog nicht selbst den Schluß, sondern wußte mit der Kunst, die er von dem Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das für ihn zu tun.

Das Vertrauen und die Achtung des Ratsbauherrn vor unserem Apollonius wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gespräch fast nur an ihn und schüttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verließ. Er hoffte, Apollonius werde bei dem Werke, wenn es, wie er nun nicht mehr zweifelte, die Genehmigung des Rats erhielt, sich tätig beteiligen, und trug ihm auf, ein Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am zweckmäßigsten anzugreifen sei. Apollonius dankte bescheiden für das Vertrauen, dem er würdig zu entsprechen suchen wolle. Über seine Mittätigkeit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe sein Vater als Meister zu entscheiden.

„Ich gehe gleich mit Ihnen,“ sagte der Ratsbauherr, „und spreche mit ihm.“

Hatte gleich der Bruder das Geschäft bis jetzt geleitet und wurde er auch von den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er war es noch nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen, als ihm das Geschäft förmlich übergeben; er wollte sich, wo er es nötig fände, ein souveränes Einschreiten freihalten.

Der alte Herr hörte die Kommenden schon von weitem und tastete sich nach der Bank in seiner Laube. Da saß er, als sie eintraten. Nach geschehener Begrüßung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmairs Befinden.

„Ich danke Ihnen,“ entgegnete der alte Herr; „ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen.“ Er lächelte dazu und der Bauherr wechselte mit Apollonius einen Blick, der dem Manne Apollonius ganze Seele gewann. Dann erzählte er dem alten Herrn die ganze Beratung und machte, daß Apollonius in seiner Bescheidenheit errötete und lange nicht seine gewöhnliche Farbe wiederfand. Der alte Herr rückte seinen Schirm tiefer in sein Gesicht, um niemand die Gedanken sehen zu lassen, die da wunderlich miteinander kämpften.

Wer unter den Schirm sehen konnte, hätte gemeint, zuerst, der alte Herr freute sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apollonius empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu fürchten, der wird mit dem Bruder gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf dem Antlitz, das sich zu schadenfreuen schien über die Demütigung des Älteren. Vielleicht wäre er nach seiner Weise eingeschritten mit einem lakonischen: „du versiehst meine Stelle von nun an, Apollonius, hörst du?“ hätte nicht der Bauherr dessen Lob gepriesen und wäre das nicht so verdient gewesen.

„Ja,“ sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu verbergen, daß er sie nur halb aussprach; „ja, die Jugend! er ist jung.“ — „Und doch schon so tüchtig!“ ergänzte der Bauherr.

Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse daran fand, wie der Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu. Aber er meinte: „die Jugend gilt heutzutag in der Welt!“ Ja, er fühlte Stolz, daß sein Sohn so tüchtig, Scham, daß er selber blind, Freude, daß Fritz nun nicht mehr konnte, wie er wollte, daß die Ehre des Hauses einen Wächter mehr gewonnen, Furcht, die Tüchtigkeit, der er sich freute, mache ihn selbst überflüssig. Und er konnte nichts dagegen tun; er konnte nichts mehr, er war nichts mehr. Und als hätte Apollonius das ausgesprochen, erhob er sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphiere zu früh.