Der Bauherr bat, der alte Herr möge den Sohn für die Dauer der Reparatur hier behalten und dabei tätig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine Weile, als warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens weigern. Dann schien er anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er befahl in seiner grimmigen Kürze: „du bleibst; hörst du?“
Apollonius begab sich auf sein Stübchen, seine Sachen auszupacken. Er war noch darüber, als die Nachricht kam, der Stadtrat habe die Reparatur genehmigt.
So war es bestimmt: er blieb. Er durfte für die geliebte Heimat schaffen und anwenden, was er in der Fremde gelernt.
Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke überschauen wollte, mußte jetzt in sein Stübchen hineinsehen. Das Hauptziel aller seiner Wünsche war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht auf, rannte nicht in der Stube umher, er ließ nichts fallen, verlegte nichts, suchte nicht im Koffer oder auf dem Stuhle, was er in den Händen hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie machte ihn klarer, ja, sie machte ihn eigensinniger. Kein Federchen, nicht ein Stäubchen auf den Kleidern, die er auspackte, übersah er; er strich nicht einmal weniger, als er gewohnt war, darüber hin; nur an der Art, wie er es tat, sah man, was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude über ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick, was er schon besaß. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhältnis zu jedem seiner Besitzstücke zeigte das Gepräge einer liebenden und doch rücksichtsvollen Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war seine Freude darüber im einsamen Stübchen mit demselben bescheiden abweisenden Erröten gepaart, womit er es in Gegenwart von andern aufgenommen. Für ihn gab es kein Allein und kein vor den Leuten.
Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte Gutachten. Die Reparatur war auf seinen Rat beschlossen worden, er war nicht allein als seines Vaters Geselle, als bloßer Arbeiter dabei beteiligt; er fühlte, er hatte noch eine besondere moralische Verpflichtung gegen seine Vaterstadt eingegangen; er mußte tun, was in seinen Kräften stand, ihr zu genügen. Er hätte keiner solchen Erweckung bedurft; er hätte ohnedies getan, was er vermochte; er kannte sich zu wenig, um das zu wissen.
In dieser erhöhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von seiten des Bruders und der Schwägerin unbehaglich zu machen drohte, zu überwinden. Der Bruder wünschte sein Gehen ja nur um des Widerwillens der Schwägerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mühens zu besiegen. Seinen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im Geschäfte willig unterordnen. Er dachte nicht, daß man beleidigen kann, ohne zu wissen und zu wollen, ja, daß die Pflicht gebieten könne, zu beleidigen. Er dachte nicht, daß sein Bruder ihn beleidigt haben könnte. Er wußte nicht, man könne auch den hassen, den man beleidigt, nicht bloß den Beleidiger.
Unten am Schuppen stand der ungemütliche Geselle grinsend vor Fritz Nettenmair und sagte: „Mit dem ersten Blick hab’ ich einen weg. Ja, der Herr Apollonius! Aber es hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern das!“
Fritz Nettenmair kaute an den Nägeln und übersah die Gebärde, die ihn reizen sollte, zu fragen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang dauern. Er ging nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen jemand auf, der nicht da war: „Rechtschaffenheit? Geschäftskenntnis, wie der Alltagsbauratskerl sagt? Ich weiß, warum du dich aufdringst und einnistest, du Federchensucher! du Staubwischer! Tu’ unschuldig, wie du willst, ich“ — er machte die Gebärde, die hieß: „Ich bin einer, der das Leben kennt und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt!“ Damit wandte er sich nach der Tür, aber die Wendung war nicht jovial wie sonst. —
Wie mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich!
Der Geist des Hauses mit den grünen Fensterladen wußte mehr als Apollonius Nettenmair, wußte mehr als alle. Er schaute nachts durch das Fenster, wo Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gutachten schrieb. Auf das Papier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher Schatten, und der Schreibende atmete schwer auf, er wußte nicht, warum. Dann schritt er mit ängstlicher Gebärde den Gang zum Schuppen hin, und der alte Hund an seiner Kette heulte im Schlafe und wußte nicht warum. Die junge Frau sah seine Hand über des Gatten Stirne fahren; sie erschrak, der Gatte erschrak mit und wußte nicht warum. Dem alten Herrn träumte, man trüge einen Toten mit Schande in das Haus, und das alte Haus knackte in allen seinen Balken und wußte nicht warum. Und der Geist wandelte noch lange, als alles schon zu Bette war, durch seine Zimmer, herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Gärtchen, im Schuppen und im Gang, und rang die bleichen Hände; er wußte, warum.