War es Zufall, daß sie in diesem Augenblicke nach ihres Mannes Schreibpult blickte? Sie sah, er hatte den Schlüssel abzuziehen vergessen. Sie erinnerte sich, er war nie so nachlässig gewesen. Sonst hatte sie keine Acht darauf gehabt; jetzt erst fiel ihr auf, er war, wußte er sie zugegen, nicht auf Augenblicke aus dem Zimmer gegangen, ohne zu schließen und den Schlüssel abzuziehen. Im obersten Fache rechts lagen Apollonius’ Briefe; ihr Blick war sonst der Stelle ausgewichen. Jetzt öffnete sie das Pult und zog das Fach heraus. Ihre Hände zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Nicht aus Furcht, ihr Mann könnte sie dabei überraschen. Sie mußte wissen, wie es stand zwischen ihr, Apollonius und ihrem Mann; sie hätte diesen gefragt; sie hätte sich nicht selbst geholfen, konnte sie ihrem Manne trauen. Sie bebte vor Erwartung, was sie finden wird. Ob sie etwas davon ahnt, was sie finden wird?
Es waren viele Briefe in dem Fach; alle lagen offen und entfaltet darin, und alle schienen nur Abdrücke eines einzigen zu sein, so sehr glichen sie sich; nur daß die Züge in den ersten weicher erschienen. Wie abgezirkelt stand die Anrede in jedem genau auf derselben Stelle; genau um ebenso viel Zoll und Linien darunter der Beginn des Briefes. Der Abstand der schnurgeraden Zeilen voneinander und vom Rande des Bogens war in allen der gleiche; nichts war ausgestrichen; keine kleinste Unregelmäßigkeit verriet die Stimmung des Schreibers oder eine Veränderung derselben; ein Buchstabe genau wie der andere.
Sie berührte die Briefe alle, einen um den anderen, ehe sie las. Mit jedem schlug neue glühende Röte über ihre Wangen, als berührte sie Apollonius selbst, und sie zog die Hand unwillkürlich zurück. Jetzt fiel mit einem Briefe eine kleine metallene Kapsel in den Kasten zurück; die Kapsel fuhr auf, und heraus fiel eine kleine, dürre Blume. Ein kleines, blaues Glöckchen. Solch eines, wie sie einst auf die Bank gelegt, damit er es finden sollte. Sie erschrak. Jene hatte Apollonius ja noch denselben Abend mit Spott und Hohn unter seinen Kameraden ausgeboten und gefragt, was sie gäben, und dann unter dem Lachen aller dem Bruder feierlich zugeschlagen. Dieser brachte sie ihr und erzählte ihr es während des Tanzens, und Apollonius sah zum Saalfenster herein, höhnend, wie der Bruder sagte. Jene hatte sie zerpflückt; das junge Volk war über die Trümmer hingetanzt. Die Blume in der Kapsel war eine andere. Es mußte in dem Briefe stehen, von wem sie war oder wem sie Apollonius schickte.
Und doch war es dieselbe Blume. Sie las es. Wie ward ihr, als sie las, es war dieselbe! Träne um Träne stürzte auf das Papier, und aus ihnen quoll ein rosiger Duft und verhüllte die engen Wände des Stübchens. In dem Duft regte sich ein Wehen, wie von leichtem Morgenwind im Lenz, wenn er die leichten Nebel flatternd ballt und durch die Risse goldener Himmel lacht und goldene Höhen. Und immer weiter wird der Blick, und wie der Schleier wogend tief und tiefer sinkt, steigen rauschende Wälder auf, grüne Wiesen mit ihrem Blumenschmelz, trauliche Gärten mit laubigen Schatten, Häuser mit glücklichen Menschen. O, es war eine Welt von Glück, von Lachen und Weinen vor Glück, die aus den Tränen stieg, jede färbte sie regenbogenglänzender, jede rief: sie war dein, und die letzte jammerte: und sie ist dir gestohlen! Die Blume war von ihr; er trug sie auf seiner Brust in Sehnsucht, Hoffen und Fürchten, bis die des Bruders war, deren er dabei gedachte. Dann warf er sie, die Botin des Glückes, dem geschiedenen nach. Er war so brav, daß er für Sünde hielt, die arme Blume dem vorzuenthalten, der ihm die Geberin gestohlen. Und an solchem Manne hätte sie hängen dürfen, sich mit allen Pulsen in ihn drängen, ihn mit tausend Armen der Sehnsucht umschlingen zum Nimmerwiederfahrenlassen! Sie hätte es gekonnt, gedurft, gesollt! es wäre nicht Sünde gewesen, wenn sie es tat; es wäre Sünde gewesen, tat sie es nicht. Und nun wäre es Sünde, weil der sie und ihn betrogen, der sie nun quälte um das, was er zur Sünde gemacht? Der sie zur Sünde zwang; denn er zwang sie, ihn zu hassen; und auch das war Sünde, und durch seine Schuld. Der sie zwang — er zwang sie zu mehr, zu Gedanken, die mit Gott im Himmel hadern wollten, zu Gedanken, die aus der Liebe und dem Hasse, die Gott verbot, ein Recht machen wollten, zu schrecklich klugen, verführerisch flüsternden, wilden, heißen, verbrecherischen Gedanken. Und wies sie diese schaudernd von sich, dann sah sie unabsichtliche Sünde unabwendbar drohen. Mit entsetzlich süßem Bangen wußte sie den Mann so nahe, der ihr fremd sein sollte, der ihr nicht fremd war, vor dem sie in der Angst ihrer Schwäche keine Rettung sah. Sie floh vor ihm, vor sich selbst in die Kammer, wo ihre Kinder schliefen, wo ihre Mutter gestorben war. Dorthin, wo ihr so heilig wurde, hörte sie das leise Regen der unschuldig schlummernden Leben, zu deren Hüterin sie Gott gesetzt; die ruhigen Hauche hinflüstern durch die stille, dunkle Nacht. Jeder Hauch ein sorglos süß aufgelöstes Sichbefehlen an die unbekannte Macht, die das All in ihren Mutterarmen trägt. Sie ging von Bett zu Bett und lag kniend regungslos davor, und legte die Stirn an die scharfen Brettkanten.
Vom Sankt Georgenturme her klangen die Glocken, wie sie der Schritt der Zeit berührte; und er hielt nicht an im Wandern. Es schlug viertel, halb, dreiviertel, ganz und wieder viertel und wieder halb. Das leise Weben der schlummernden Kinderseelen zitterte um sie. Sie lag, die heißen Hände gefalten, lange, lange. Da stieg es empor aus dem leisen Weben, silbern wie ein Ostermorgenglockenklang. Was fürchtest du dich vor ihm? Und sie sah all ihre Engel um sich knien, und er war einer von ihren Engeln, der schönste und der stärkste und der mildeste. Und sie durfte zu ihm aufsehen, wie man zu seinen Engeln aufsieht. Sie stand auf und ging in die Stube zurück. Die Briefe breitete sie auf dem Tische aus, dann ging sie zur Ruhe. Ihr Besitzer sollte wissen, wenn er heimkehrte und die Briefe fand, sie hatte sie gelesen. Nicht um ihn zu erschrecken, nicht als Anklage, wie sie auch von ihm denken mochte. Er las davon ab, was das Bewußtsein seiner Schuld darauf schrieb; er las aus seiner Beleidigung ihr Rachedrohen und ihre Pläne, es in das Werk zu setzen. Er kannte ihre Wahrhaftigkeit; wäre er so rein gewesen als sie, er hätte gewußt, sie hatte nur dem Triebe ihrer ehrlichen Natur genügt. Sie schied schwer von den Briefen: aber sie gehörten nicht ihr. Nur die Kapsel mit der dürren Blume nahm sie weg und wollt ihm am Morgen sagen, daß sie es getan.
Fritz Nettenmair saß noch ganz allein im Weinhaus. Das Haupt hing ihm müde auf die Brust herab. Er rechtfertigte vor sich seinen Haß und sein Tun. Der Bruder und sie waren falsch; der Bruder und sie waren schuld, nicht er, daß er hier vergeudete, was seinen Kindern gehörte. Wer ihm ihr Herz gestohlen, konnte für sie sorgen. Eben war es ihm gelungen, sich zu überzeugen, als daheim die Kammertüre ging. Die Frau war wieder vom Bett aufgestanden und legte auch die Kapsel mit der Blume wieder zu den Briefen. Apollonius hatte sie nicht behalten, sie durfte es auch nicht. Der Gatte dachte noch nicht an das Heimgehen, als sie die Decke wieder über ihre reinen Glieder breitete. Über dem Gedanken, sofort sollte Apollonius ihr Leitstern sein, und wenn sie handelte wie er, blieb sie rein und bewahrt, schlief sie ein und lächelte im Schlummer, wie ein sorglos Kind.
Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden wurde immer schwüler. Die gegenseitige Entfremdung der Gatten nahm mit jedem Tage zu. Fritz Nettenmair behandelte die Frau immer rücksichtsloser, wie seine Überzeugung wuchs, durch Schonung sei nichts mehr zu gewinnen. Diese Überzeugung floß aus der immer kälteren Ruhe der Verachtung, die sie ihm entgegensetzte; er dachte nicht, daß er selbst sie zu dieser Verachtung zwang. Es war eine unglückliche, immer steigende Wechselwirkung. So wenig Apollonius mit dem Bruder und der Schwägerin zusammentraf, ihr Zerwürfnis mußte er bemerken. Es machte ihn unglücklich, daß er die Schuld davon trug. In welcher Weise er sie trug, das ahnte er nicht. Während die Schwägerin mit liebender Verehrung an ihm hing und sich und ihrem ganzen Hauswesen seine Physiognomie aufprägte, grübelte er über den Grund ihres unbesiegbaren Widerwillens. Der Bruder tat nichts, diesen Irrtum zu berichtigen; er bestätigte ihn vielmehr. Zuweilen, indem er ihn überlegen bei sich verlachte, wenn Weinlaune und geschmeichelte Eitelkeit ihre Wirkung taten. Der Stunden der Erschlaffung, der Unzufriedenheit mit sich selbst waren freilich mehr. Dann zwang er sich, Verstellung darin zu sehen, um an dem Mitleid mit sich selber den Haß gegen die andern, in dem ihm wohl war, zu schärfen.
Apollonius wußte wenig von der Lebensweise des Bruders. Fritz Nettenmair verbarg sie ihm aus dem unwillkürlichen Zwang, den Apollonius’ tüchtiges Wesen ihm abnötigte, den er aber niemand, am wenigsten sich selber, eingestanden haben würde. Und die Arbeiter wußten, daß sie Apollonius mit nichts kommen durften, was nach Zuträgerei aussah, am wenigsten, wenn es seinen Bruder betraf, den er gern von allen geachtet gesehen hätte, mehr als sich selbst. Aber er hatte bemerkt, Fritz sah ihn als einen Eindringling in seine Rechte an, der ihm Geschäft und Tätigkeit verleidete. Apollonius fühlte sich von dem Tage seiner Rückkehr nicht wohl daheim; er war seinen Liebsten hier eine Last; er dachte oft an Köln, wo er sich willkommen wußte. Bis jetzt hielt ihn die moralische Verpflichtung, die er in Rücksicht der Reparatur auf sich genommen. Diese ging mit raschen Schritten ihrer Vollendung entgegen. So durfte der Gedanke seine Verwirklichung fordern, und er teilte ihn dem Bruder mit.
Es wurde Apollonius anfangs schwer, den Bruder zu überzeugen, es sei ihm Ernst mit der Rückkehr nach Köln. Fritz hielt es erst für einen listigen Grund, ihn sicher zu machen. Der Mensch gibt ebenso schwer eine Furcht auf als eine Hoffnung. Und er hätte sich eingestehen müssen, er habe den zwei Menschen Unrecht getan, die des Unrechtes an ihm anzuklagen ihm eine Gewohnheit geworden war, in der er eine Art Behagen fand. Er hätte dem Bruder ein zweites Unrecht verzeihen müssen, das dieser von ihm gelitten. Er fand sich erst darein, als es ihm gelungen war, in dem Bruder wieder den alten Träumer zu sehen, und in dessen Vorhaben eine Albernheit; als er ein unwillkürliches Eingeständnis darin sah, der Bruder begreife in ihm den überlegenen Gegner und gehe aus Verzweiflung am Gelingen seines schlimmen Planes. In dem Augenblick erwachte die ganze alte joviale Herablassung, wie aus einem Winterschlaf. Seine Stiefel knarrten wieder: da ist er ja! und: nun wird’s famos! läuteten seine Petschafte den alten Triumph.[2] Die Stiefel übertönten, was ihm sein Verstand von den notwendigen Folgen seiner Verschwendung, von seinem Rückgange in der allgemeinen Achtung vorhielt. Es war ihm, als sei alles wieder so gut als je, war nur der Bruder fort. Er glaubte sogar vorgreifend an seine außerordentliche Großmut, dem Bruder zu verzeihen, daß er dagewesen. Er richtete sich vor dem Bruder schon in der ganzen alten Größe wieder auf, in der er als alleiniger Chef des Geschäfts dem Ankömmling gegenübergestanden; er winkte ihm mit seinem herablassendsten Lachen zu, daß er es schon bei dem im blauen Rock durchsetzen wolle; er selber müsse Apollonius fortschicken.